Das Märchen
Nackte Füsschen tapsen über kalten Steinboden. Das Kind trägt ein dünnes Nachkleidchen und schleicht sich mitten in der Nacht aus ihrem Zimmer, nur eine Türe weiter, in die Kammer ihrer Amme. Die schnarchte laut und grunzte von Zeit zu Zeit. Verschlafen kroch die Kleine unter die Decke zu Martha, die unterbewusst ein wenig Platz in dem schmalen Bett machte. Das Kind kam häufig in der Nacht zu ihr, suchte ihre Nähe. Meistens schlief sie gleich weiter. Manchmal bat sie die Amme “Sing mir das Lied vor”. Dann sang diese leise und mit verschlafener Stimme:
Schlaf mein kleiner Liebling ein! Draußen fällt der Regen. Mutter schaukelt 's Wiegelein - ist ja schon so alt wie Stein. Träum durch den Nebel, dem Tage entgegen! Überall herrscht Dunkelheit. - Schwer meine Gedanken. Schwarzer Sand - wie vor der Zeit - decket unsre Ängstlichkeit. Die Gletscherspalten uns weisen die Schranken. Schlafe endlich nun, schlaf ein! Bald schon ist es Morgen. Träume auch den Wassern zu! Väter schirmen unsre Ruh. Ihr ew’ges Sehnen: Sich um uns zu sorgen. |
Und dann konnte das Kind meistens wieder einschlafen. Doch auch nicht immer, denn selten bat sie noch um eine Geschichte. Es war immer die selbe Geschichte, die ihr die Amme von klein auf erzählte. Keine andere wollte sie in diesen Momenten hören.
“Es waren einmal eine wunderschöne Königin und ein tapferer Ritter. Die zwei liebten einander aus tiefstem Herzen. Doch der Ritter durfte die Königin nicht lieben, denn diese war mit einem bösen, skrupellosen König verheiratet. Dieser passte sehr gut auf sein Weib auf und ein jeder, der es auch nur wagte, sie zu lange anzublicken wurde schwer bestraft. Manch einer büßte mit seinem Augenlicht. Daher war es schwierig für den Ritter, die Nähe der Königin zu suchen.
Sie verzehrte sich so sehr nach ihm. Ihr Herz wurd ihr ganz schwer. Jede Nacht weinte sie um seine Liebe. Der böse König war sehr zornig, denn er merkte, dass mit seiner Frau etwas nicht stimmte. Er beauftragte seine Diener und Wachen, darauf zu achten, mit wem die Königin Umgang pflegte. Doch sie und der Ritter waren sehr vorsichtig. Nichts kam zu Tage und so konnten sie ihre Liebe sehr lange verheimlichen. Durch diese Art des Lebens aber wurde die Königin sehr krank. Der König erkannte ihre Krankheit nicht, doch der Ritter tat es, denn er liebte sie aufrichtig. Also beschloss er, dem ganzen ein Ende zu setzen und lief mit der Frau, die er so sehr liebte, davon. Der Böse König aber tobte und schwor Rache. Er verfluchte sein untreues Weib und all die Kinder, die sie einst bekommen würde.
Die Königin und der Ritter liebten sich so sehr, dass daraus ein Wunder entstand. Sie bekamen Zwillinge. Ein Mädchen und ein Junge. Obwohl sie untergetaucht waren, konnte ihr Glück nicht lange währen. Schon bald waren ihnen die Häscher des Königs auf der Spur und sie waren in größter Gefahr. Also mussten sie sich zum Wohle der Kinder entscheiden, auch wenn es ihnen das Herz brach. Sie trennten die Säuglinge und gaben sie zu wohlmeinenden Menschen, die ihnen an ihrer statt gute Eltern sein sollten. Sie selbst liefen davon und warden seither nicht mehr gesehen.”
“Wie geht die Geschichte weiter, Amme?” Fragte das Mädchen jedes Mal. Und wie jedes Mal antwortete die Amme seufzend: “Das Ende dieser Geschichte muss erst noch geschrieben werden, kleine Lia.” Und dann tat das das Kind für sich. Sie überlegte, wie die Gechichte enden könnte, fand immer neue Möglichkeiten und Wege. Doch immer hatte es ein gutes Ende, bevor sie endlich wieder einschlief.
Je älter Amaalia wurde, desto seltener tapste sie nachts zu ihrer Amme. Irgendwann geriet die Geschichte in Vergessenheit und niemand erzählte sie mehr oder fragte danach.