Amaalias Einmischung
Nach dem Frühstück versammelten sich Ritter, Knappen, Hundeführer, Falkner und Knechte auf dem großen Hof. Es schien ein heilloses Durcheinander zu sein, doch fand schließlich jedes Pferd zu seinem richtigen Besitzer und die Jagdgesellschaft konnte aufbrechen. Amaalia war enttäuscht, denn sie durfte nicht mit, obwohl auch Damen mit ihren eigenen Habichten hoch zu Ross an der Beiz teilnahmen. Der Vater hatte sie vertröstet und ihr versprochen, sie gleich bei der Heimkehr mit auf die Jagd zu nehmen. Eine solch große Jagd sei nichts für ein kleines Mädchen, meinte der. Hier ginge es vielmehr um Politik und Prahlerei, als um Fasane. Einen Moment hatte sie geschmollt, doch als sie merkte, es würde ihn nicht umstimmen, gab sie auf. So blieb ihr also nur, mit der Mutter und Elisabeth an der Treppe zu stehen und den Reitern sehnsüchtig hinterherzusehen.
Sie begleitete die beiden auf ihr Zimmer. Was hätte sie auch sonst tun sollen, auf der fremden Burg. Sie setzte sich still an ein Fenster und schaute hinaus, in der Hoffnung, etwas von der Jagd sehen zu können, doch es war vergebens. Derweil fand in dem Zimmer ein kleines Drama statt. Alle Kisten wurden geöffnet und Elisabeths Kleider herausgerissen. Kammerdienerinnen hielten ihr die Kleider hin, während sie sich vor einem hohen Spiegel betrachtete. Die Mutter schrie bei jedem Kleid „Nein! Das andere!“ und wurde dabei immer hysterischer. „Wir haben das rote Kleid mit der Samtborte nicht dabei. Wer hat das vergessen?! Es wäre perfekt gewesen für heute“ Eines der Dienstmädchen stammelte eine Entschuldigung und fing sich dafür eine schallende Ohrfeige von Mechthild ein. Amaalia wurde erst jetzt richtig aufmerksam auf das Spektakel und beobachtete das Geschehen mit hochgezogenen Augenbrauen. Mutter hatte sich doch sonst im Griff, warum nur war sie heute so aufgeregt. Es erinnerte sie an damals, als ihre älteste Schwester verlobt wurde. Damals verhielt sie sich ähnlich. Sollte es diesmal um das gleiche gehen? Sie hielt es für schlauer, sich weiter im Hintergrund zu halten. Die Mutter könnte sie ansonsten ausschimpfen oder sie aus dem Zimmer schicken.
Man fand dann doch ein Kleid für Elisabeth. Es war ein grünes mit Perlen und Stickereien verziertes Kleid. Amaalia hörte schon die Amme höhnen „Grün ist die Farbe der Hoffnung… also hoffen wir mal“ und grinste in sich hinein. Dann wurde unter großem Gejammer gekämmt und frisiert. Sie hatte langes, dunkles Haar. Sie waren weder gelockt, noch glatt. Es waren einfach nur matte, widerspenstige Haare, welche von zwei Dienstmädchen mühselig zu einer kunstvollen Frisur geflochten und gesteckt wurden. Als Elisabeth nach erschreckend langer Zeit endlich fertig angezogen, frisiert und mit Schmuck der Mutter behangen war, fand Amaalia, sie sah reichlich albern aus. Wie gewollt und nicht gekonnt. Auch die Mutter schaute skeptisch und umrundete ihre Tochter einmal, dabei seufzend. Dann rang sie sich ein Lächeln ab und sagte „Sehr schön“, wobei es klang, als wolle sie sich selbst Mut zusprechen.
Amaalia befand, es war Zeit zu gehen, ehe sie auch noch wie ein Osterstrauß ausstaffiert wurde und ging in ihre Kammer, um sich umzuziehen. Die Amme hatte bereits ihr hübsches, blaues Kleid mit den weißen Stickereien bereit gelegt. Es genügte, die glatten, langen Haare zu kämmen und mit einem passenden Band das Deckhaar am Hinterkopf zusammenzubinden. Dann ertönten von weither die Jagdhörner und das Mädchen bat die Amme aufgeregt, sie in den Hof gehen zu lassen, um die Jäger in Empfang nehmen zu können.
Mutter und Elisabeth standen schon an der Freitreppe. Amaalia kam gerade unten an, als die ersten Reiter zurückkehrten. Es dauerte nicht lange und die gesamte Jagdgesellschaft fand sich auf dem Hof ein, um die zahlreichen erlegten Fasane und Hasen bei einem Becher Wein zu begießen. Dann wurde die Beute von Bediensteten in das Küchengebäude gebracht, um dort zubereitet zu werden. Plötzlich wurde Amaalia auf Friedrich aufmerksam. Er schrie seinen Knappen an. Die Menschen wurden alle ruhig und beobachteten die Szene mehr oder weniger amüsiert. Und dann konnten sie alle Zeuge von Friedrichs weit bekanntem Jähzorn werden. Er schrie so laut, dass Amaalia schier das Blut in den Adern gefror Dabei spukte er dem jungen Kerl ins Gesicht. Der traute sich kaum aufzusehen und stand da wie ein Häuflein Elend. Er ahnte wohl zu gut, was ihm blühen würde. Vor lauter Angst nässte sich der Jüngling ein, wodurch der Ritter noch wütender wurde „So ein mickriger Schwächling wie du willst mein Knappe sein? Das ist ja lächerlich!“ Dann holte er mit seiner prankenhaften Hand weit aus und schallerte dem Knappen eine mitten ins Gesicht. Der fiel von der Wucht des Schlages zu Boden, doch Friedrich ließ nicht von ihm ab „Steh auf, du Ratte!“ brüllte er und der Knappe tat, wie ihm befohlen. Amaalia bemerkte mit Schrecken, dass der Jüngling aus dem Ohr blutete. Sie sah sich hilfesuchend um, doch niemand der umstehenden schien gewillt, einzuschreiten. Auch der Vater stand nur da wie angewurzelt, wenngleich sein Blick verriet, was er von dem Geschehen hielt.
Friedrich wütete derweilen weiter und hieß den Knappen alle möglichen Schimpfwörter. Der begann zu schluchzen und der Ritter holte erneut aus, um zuzuschlagen. Amaalia konnte sich nicht mehr zurückhalten „NEIN!“ rief sie dem Hünen mit ihrer dünnen Mädchenstimme zu und setzte langsam einen Fuß vor den Anderen, um die Treppe hinunterzugehen. „Kind!“ hörte sie die Mutter hinter sich atemlos rufen, und Elisabeth rief hysterisch „Mutter, so tu doch etwas. Sie macht alles kaputt!“ doch es war zu spät. Alle Augen waren auf Amaalia gerichtet. Auch die des Ritters, der ungläubig mit erhobener Hand in seiner Bewegung innehielt. Er war so verblüfft, dass ihm für einen Moment die Gesichtszüge entglitten. Als ihm gewahr wurde, wer ihn in seinem Handeln aufhalten wollte, senkte er die Hand und wollte wohl grade anfangen sie anzuschreien. Da nahm Amaalia all ihren Mut zusammen und stellte sich zwischen den Riesen und sein Opfer, das nur noch leise wimmerte „Du kommst dir wohl mächtig stark vor! Du bist stark und riesengroß und lässt deine Wut an schwächeren aus, nur weil du bei der Jagd nicht der beste warst.“ Amaalia sah ihn dabei kühn an. Sie kochte innerlich „Zu wem gehört diese Göre, das ist ja unerhört“ sagte jemand, doch Friedrich hob die Hand. „Ruhig! Lasst das Kind sprechen. Es amüsiert mich.“ Amaalia schluckte. Sie konnte förmlich spüren, wie Elisabeth und Mutter hinter ihr einem Nervenzusammenbruch nahe waren, doch nun konnte sie nicht mehr kneifen, es war zu spät. „Dein Knappe sollte von dir lernen, ein Ritter zu sein. Kein ungehobelter, gewalttätiger Klotz ohne Hirn!“ Das Mädchen erwartete schreckliches. Was jedoch darauf folgte, war grotesk: Friedrich verzog das Gesicht zu einer angsteinflößenden Fratze und sie widerstand dem Bedürfnis, zurückzuweichen. Dann aber fing er an zu lachen, dass die Erde beinahe erzitterte. „Das Mädchen hat mehr Schneid, als ihr alle zusammen“ er zeigte mit ausgestrecktem Finger rings um sich und lachte wieder. Nach und nach stimmten die anderen ein und schon bald war der ganze Hof von einem einzigen lauten Gelächter erfüllt. „Lauf, du Taugenichts!“ sagte er seinem Knappen und als der die Beine in die Hand nahm und Richtung Ställe davon rannte, lachte der Ritter wieder. Amaalias Vater war zwischenzeitlich hinter sie getreten und legte eine Hand auf ihre Schultern. Langsam konnte sich das Mädchen wieder beruhigen. „Wenn dir die große Klappe dieses Görs nicht mal zum Verhängnis wird“ sagte Friedrich und schlug ihm Freundschaftlich auf die Schultern. „Auf dieses Ereignis brauch ich erst einmal etwas Ordentliches zu Trinken.“ Und so ging er die Treppe hinauf und verschwand gefolgt von allen anderen in der Burg. „Gut gemacht, mein Kind“ Sagte der Vater, ehe er sie auf dem Hof zurückließ und den anderen folgte. Amaalia stand da noch eine ganze Weile, völlig perplex. Langsam wich die Anspannung aus ihrem Körper und ihr wurde bewusst, dass das auch nach hinten hätte losgehen können. Doch sie wäre geplatzt, wenn sie nichts gesagt hätte. Und es fühlte sich richtig an für sie. Blieb nur zu hoffen, dass Friedrich sich nicht später noch an seinem Knappen rächen würde, weil er seinetwegen von einem kleinen Mädchen vor versammelter Mannschaft bloßgestellt wurde.
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Am Abend wurde die erfolgreiche Jagd gefeiert. Fasane und Hasen waren gebraten, gesotten oder geschmort und mit Wurzelgemüse und Brot kunstvoll auf großen Platten angerichtet. Das Fest überragte das des Vortages. Die Tafel war noch reichlicher gedeckt und es floss noch mehr Wein. Ein Barde sang Lobeshymnen auf den Burgherren, doch eigentlich hatten die Menschen nur ein Thema: Wie sich das kleine Mädchen schützend vor den Knappen stellte. Amaalia war das alles sehr unangenehm. Sollte sie etwa als „Das Mädchen mit der großen Klappe“ in die Geschichte eingehen?
Dann stand Friedrich auf und hob einen vollen Becher Wein, um etwas zu verkünden „Meine Freunde, ich habe euch an diesem besonderen Tag etwas zu verkünden. Mein guter Freund Ulrich von Kohlscheid und ich sind darüber überein gekommen, dass ich ihm die Ländereien übergebe, die unmittelbar an die seinen grenzen. Er übernimmt die dort ansässigen Bauern und Leibeigenen. Im Gegenzug gibt er mir seine Tochter zur Frau.“ Alle im Raum hielten scheinbar die Luft an, ein paar sahen geschockt zu Amaalia und deren Herz hörte für einen kurzen Schreckmoment aufzuschlagen. Dann fuhr der Ritter fort „Elisabeth von Kohlscheid wird nach Allerheiligen mein Eheweib“ Er hob den Becher noch höher und sprach „Auf dass sie mir viele Söhne gebärt“ und alle anderen hoben ebenso den Humpen und tranken auf die überraschende Verlobung. Amaalia konnte aber nur denken „Nicht ausgerechnet der!“Sicher, sie hatte kein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Schwester. Doch solch einen Ehemann wünschte sie ihr nicht. Zu ihrer Überraschung saß Elisabeth lächelnd neben der Mutter. Sie hatte damit gerechnet, dass sie leise weinen und hysterisch davonrennen würde, doch das Gegenteil war der Fall. Mit stolzgeschwellter Brust saß sie da und lächelte zufrieden.
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Sie kehrten auf die heimische Burg zurück. Bis zur Hochzeit waren es noch neun Wochen, doch die Mutter hatte bereits Panik, sie würde nicht fertig werden. Es galt, ein Kleid für Elisabeth zu schneidern und ihre Mitgift zu vervollständigen. Alle Kammermädchen waren nur noch damit beschäftigt. Tuchhändler brachten die schönsten Stoffe auf die Burg. Es dauerte lange, bis die Mutter endlich etwas fand, das ihrem Geschmack traf. Dann debattierte sie mit dem Schneider über den Schnitt und wie die Borten verziert werden sollten. Auch für sich selbst und Amaalia ließ sie neue Kleider schneidern. Die Hochzeit würde groß werden, Ritter und adelige aus dem ganzen Reich würden zugegen sein und man sprach davon, dass lediglich ein König noch größer feiern würde. Da durfte sie nichts dem Zufall überlassen. Immerhin hatte sie noch eine weitere Tochter, die bald das heiratsfähige Alter erreichen würde und die nun landauf, landab für nichts, ausser ihre scharfe Zunge bekannt war.
Wann immer sie Zeit und Muse hatte, hielt sie Amaalia vor, wie enttäuscht sie war. Amaalia konnte die Monologe der Mutter schon auswendig vorsagen. Sie sprach unentwegt von Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit und Demut, an der sie es an jenem Tag hat fehlen lassen „Was soll nur aus dir werden, wenn du größer bist? Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es dann um deiner Keuschheit steht. Wieso wurde ich nur mit einem solchen Kind gestraft?“ Sie würdigte Amaalia stets mit demselben vielsagenden Blick. „Dein Glück nur, dass Friedrich die Verlobung nicht hat platzen lassen, obwohl du ihn so bloßgestellt hast. Was hast du dir nur dabei gedacht?“ Und Amaalia sagte einmal kleinlaut aber dennoch stolz „Ich dachte, ich tu was Vater immer sagt. Für Schwächere einstehen und Unrecht ankreiden, wenn ich es sehe.“ „Papperlapapp! Der Knappe ist doch nicht schwächer als du törichtes Ding! Das ist einzig und allein Sache des Ritters, wie er ihn ausbilden möchte. Wage es nicht, einmal so mit deinem künftigen Gemahl zu sprechen. Du würdest mir nur Schande bereiten und man würde herumerzählen, ich wäre nicht fähig, ein Burgfräulein zu einer Burgherrin zu erziehen.“ Das war ihre einzige Sorge, was die Menschen über sie denken könnten. Als sie dann endlich wieder fertig war und von Amaalia abließ, suchte das Kind das Weite und spielte in den Ställen bei den Pferden oder besuchte die Falken in der Falknerei der Burg. Sie wollte nicht an all das denken müssen.