Traum 7

Elisabeths Hochzeit

Es war ein rauschendes Fest. Elisabeths Hochzeit mit Friedrich von Plassen würde noch lange für Gesprächsstoff sorgen. Amaalias Mutter schien glücklich und zufrieden. Das war nicht oft der Fall, quälte sie sich sonst stets mit selbstauferlegten Zwängen. Sie lachte sogar ausgelassen und schäkerte mit ihrem Mann. Das war sonst nie ihre Art. Elisabeth sah überraschend hübsch aus. Die Kleiderwahl der Mutter erwies sich als Punktlandung. Sie wirkte sehr zufrieden mit sich, denn sie sah es als große Ehre an, mit einem solch mächtigen Mann verheiratet zu werden. 
Nur Amaalia war bedrückt. Sie hatte kein gutes Gefühl. Ihre Schwester wurde mit dem schlimmsten Kerl verheiratet, den sie je gesehen hatte. Er war im Alter ihres Vaters, also uralt in ihren Augen. Und die Gerüchte über seine verstorbene Frau ließen sie nichts Gutes ahnen. Doch stand es ihr nicht zu, ihre Bedenken zu äußern. Niemand würde sie ernst nehmen, nicht einmal der Vater, der dank der Ehe große Ländereien von Friedrich erhielt. 

Auch Margarethe war auf der Hochzeit. Dies war Amaalias einziger Lichtblick, denn sie freute sich, ihre Schwester nach langer Zeit einmal wieder zu sehen. Auch ihr konnte sie nichts von ihren Bedenken sagen. Margarethe würde sie auslachen und ihr sagen, dass dies eben das Schicksal der Töchter sei, und auch sie sich einmal wird fügen müssen. Amaalia wusste das, doch sie wollte es nicht hören, deshalb schwieg sie. Sie selbst war mit knapp zehn Jahren noch zu jung, um verheiratet zu werden. In anderen Familien war das zwar nichts Ungewöhnliches, doch hatte ihr Vater da zum Glück seine Prinzipien. 

Nach den Feierlichkeiten kehrten sie zurück zu heimischen Burg. Amaalias Leben änderte sich schlagartig, denn die Mutter konnte sich nun auf ihre Erziehung konzentrieren. Viel zu spät, wie Mechthild meinte und viel zu früh, wenn es nach dem Mädchen ging. Ihre dicke Amme stand ihr nach wie vor zur Seite, denn niemand wagte, sie zu entlassen. Dennoch wurde sie nun täglich von ihrer Mutter drangsaliert. Sie musste den ganzen Tag nähen, sticken, zeichnen und sich in Schönschrift üben. Außerdem wurde sie darin unterrichtet, sich damenhaft zu bewegen und zu benehmen. Dem Kind war das zuwider. Sie wollte lesen, bei den Pferden spielen und Vaters Falken besuchen. Wann immer sie eine Gelegenheit fand, stahl sie sich davon und stets wurde sie hinterher von der Mutter dafür bestraft. Sie fühlte sich wie eingesperrt, doch je mehr sie rebellierte, um so härter wurden Mechthilds Strafen. 

Als Amaalia einmal zu viel hatte, sattelte sie heimlich ihr Pferd und ritt auf und davon. Auf der Burg waren alle aufgeregt, als das Kind nach mehreren Stunden vermisst und nicht gefunden wurde. Alle Kammern, Ecken und Nischen, wo sie sich sonst versteckte, wurden abgesucht. Dann entdeckte einer der Stallburschen, dass Amaalias brauner Zelter fehlte. Der Burgherr war zornig und ungehalten. Er ließ den diensthabenden Wachmann am Tor einsperren, denn er hatte nicht bemerkt, dass das Mädchen weg geritten war. Als der Abend bereits dämmerte, wurde ein Suchtrupp zusammengestellt. Ulrich von Hohentropf führte die Männer an und so ritten sie die nähere Umgebung ab. 
Niemand konnte ahnen, wie weit Amaalia es tatsächlich schon geschafft hatte. Sie war dank des Vaters eine geübte Reiterin und ritt an jenem Tag auf einem gewöhnlichen Sattel, den ihr die Mutter längst verboten hatte. Sie ritt so lange, bis sie müde war und auch das Pferd rasten musste. Da befand sie sich in einem Wald, der noch zu den Ländereien ihres Vaters gehörte. Sie stieg vom Pferd und ließ sich am Fuße eines dicken Baumes nieder. Da saß sie mit all ihrer Wut im Bauch über die Mutter und all die Zwänge, die ihr Stand mit sich brachte und die Tatsache, dass man mit ihr als Mädchen so umgehen konnte. All der Aufwand, den Mechthild betrieb war nur deren Wunsch geschuldet, das Mädchen baldmöglichst an einen möglichst reichen und mächtigen Ritter zu verheiraten. Da sie bislang keine Söhne hatte, war dies sozusagen eine Art Daseinsberechtigung. Doch Amaalia litt. Sie wollte nicht enden wie Margarethe. Unglücklich und ungeliebt, neben einem eitlen und dummen Mann. Und sie wollte auch nicht wie Elisabeth leben müssen, mit einem jähzornigen und gewalttätigen alten Ritter. 

All die Verzweiflung brach aus ihr heraus. Sie weinte bittere Tränen und schluchzte hemmungslos. Nie zuvor konnte sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen, denn immer war auf der Burg jemand in der Nähe. Sie hüllte sich fröstelnd in ihren Umhang und bettete sich in das weiche Moos. Weinend schlief sie ein.