Prolog

Hartung 1463


Es war eine lange Zeit. Viel zu lange? Oder gerade lange genug, um wieder bereit zu sein, für das Leben da draußen. Etwas ängstlich und verunsichert durchschritt Amaalia das Klostertor. Hier lebte sie zuletzt über drei Jahre. Oder waren es vier? Sie wusste es nicht genau. Im Grunde wusste sie noch viel zu wenig.

Die Klosterschwestern hatten ihr alles erzählt, was sie selbst wussten. Amaalia wurde vor einigen Jahren zu ihnen ins Kloster gebracht. Sie war Bürgermeisterin zu Freising, jedenfalls erzählte man ihr das. Eines Tages musste sie bewusstlos im Rathaus gelegen haben- hinter verschlossenen Türen. Wie es dazu kam konnte bis dato niemand mehr nachvollziehen. Jedenfalls hatte sie keine sichtbaren Verletzungen. Von den Schwestern erfuhr Amaalia nur, dass das bayrische Banner die schwere Rathaustüre aufbrechen musste und sie dann ins Kloster gebracht wurde.

Hier wurde sie wieder gesund gepflegt. Mit der Zeit kamen auch bruchstückhaft die Erinnerungen zurück. Mancher Name fiel ihr wieder ein und manche Begebenheit ebenso. Viel zu viel blieb aber hinter einem dichten Nebel verborgen.

Als sie sich bereit fühlte, verließ sie an einem kalten Januarmorgen im Jahre 1463 das Kloster. Sie wusste gerade einmal etwas mehr, als ihren Namen und dass sie nach Freising gehen musste. Kaum dort angekommen, wurde sie von alten Freunden erkannt und begrüßt. Die Freude schien echt, und mit jeder Minute, die sie mit den alten Bekannten verbrachte, kamen die Erinnerungen wieder. Sie erzählten ihr von früher. Davon, dass Mad und Sueba sie einst adoptiert hatten und dass sie einmal in Memmingen, Buchen und Regensburg lebte. Viele amtliche Dinge konnte sie in Archiven wiederfinden. Dort stand zum Beispiel, dass sie getauft war und die Ausbildung zur Hebamme bestanden hatte.
Manches klang so fremd für sie, als wäre es die Geschichte einer anderen Person. So ging es ihr mit der Tatsache, dass sie vor den Geschehnissen von vor vier Jahren verlobt gewesen sein soll. Sie konnte sich schlicht nicht mehr daran erinnern. Die Neugierde zwang sie, dem ihr nun fremden Mann einen Brief zu schreiben. Dieser wurde allerdings nie beantwortet. Also hakte sie das Thema ab und widmete sich anderen Dingen.

Eines Abends geschah etwas in einem Wirtshaus. Es war gut besucht und aus einer Bierlaune heraus fragte einer der Gäste sie, ob sie nicht mal einen Schwank aus ihrer Jugend erzählen wolle. Sie überlegte krampfhaft, auch wenn sie wusste, es hätte keinen Sinn. Der Nebel würde sich auch dieses mal nicht lichten. Doch sie fasste einen Entschluss. Sie wollte nicht mehr der Vergangeneheit hinterherrennen und krampfhaft versuchen, sich zu erinnern. Sie wollte ab nun der Zukunft entgegengehen, neue Erlebnisse und Erfahrungen sammeln und sich nebenbei über alles freuen, was ihr aus ihrer Vergangenheit wieder einfallen würde.

Doch all die guten Vorsätze galten nichts mehr, als Amaalia begann, wirre Dinge zu träumen. Genau genommen begann das in der Nacht, als sie einer neugewonnenen Freundin dabei half, sich aus einer schier ausweglosen Situation zu befreien. Einer ihrer Gefährten warf sie im Getummel um, so dass sie hart mit dem Kopf auf den Boden fiel. Seither war es, als würde sich jede Nacht eine Tür in die Vergangenheit einen Spalt breit öffnen. Dummerweise konnte sie sich hinterher nie an die Träume erinnern. Es blieb nur stets das Gefühl, sie hätte die Situationen aus dem Traum schon einmal miterlebt.



Sie nahm sich vor, es vorerst niemandem zu erzählen. Zu unbestimmt war das, was sie aus den Träumen in den Wachzustand hinüberretten konnte. Niemand würde sie ernst nehmen und vielleicht würde man sie sogar auslachen, weil sie diesen Träumen hinterherjagte.