Traum 2

Das Fest



Lachen, Musik und Stimmengewirr. Die kleine Amaalia war begeistert. Noch nie hatte man auf dieser Burg so ein rauschendes Fest gefeiert. Dessen war sie sich ganz sicher. Es war eine willkommene Abwechslung, denn sie konnte sich beinahe unbemerkt an die fremden Ritter schleichen und ihnen zuhören, wie sie laut und betrunken von ihren Heldentaten berichteten. Sie sprachen von fernen Ländern, schönen Jungfern und spannenden Abenteuern. In ihrer kindlichen Vorstellung waren diese tapferen Männer alle unbesiegbar und vielleicht sogar unsterblich.

Sie saß gerade hinter zwei besonders betrunkenen Rittern, die sich mit ihren Geschichten überboten. Da fiel ihr Blick auf ihre älteste Schwester, die mit ihrer Mutter zu diskutieren schien. Amaalia stutzte und betrachtete ihre Mutter. Sie sah sehr müde aus. Vater sagte stets, sie sei die schönste Frau auf der weiten Welt. Und Amaalia wäre das genaue Ebenbild ihrer Mutter. Anders als die beiden älteren Schwestern hatte sie die zierliche Statur, die feinen Gesichtszüge und die hellen Haare der Mutter geerbt. Margarethe und Elisabeth kamen ganz nach dem Vater. Er war ein sehr großer Mann mit dunklen Haaren und markanten Gesichtszügen. Beide Schwestern waren viele Jahre älter als Amaalia, die als Nachzüglerin von ihrem Vater verwöhnt wurde.

Margarethe rannte die Treppe hinauf und ließ eine offensichtlich fassungslose Mutter zurück. Doch das Fest ist doch noch gar nicht zu Ende? Amaalias Blick suchte den Vater. Auch er schien die Szene beobachtet zu haben und erhob sich. Mit großen Schritten ging er zur Treppe, sagte seiner Frau ein paar Worte im Vorbeigehen und hastete dann wütend hinauf. Die Mutter schaute sich verzweifelt im Saal um. Für einen kurzen Moment traf ihr Blick den des kleinen Mädchens. Dann ging sie so schnell es sich für die Burgdame gebührte, hinauf, um Vater und Tochter zu folgen.

Amaalia war neugierig. Was ging hier vor sich? Sie würden noch das ganze schöne Fest verpassen. Also nahm sie sich vor, ihnen hinterher zu gehen. Was konnte ausgerechnet heute so wichtig sein? Mit ihrem grünen Festtagskleid konnte sie nicht besonders schnell die Treppe hochlaufen. Also nahm sie die Röcke in die Hand und lief geschwind nach oben. Insgeheim betete sie, die Amme würde das nicht sehen, doch war diese sicher in der Küche, um von den vielen besonderen Köstlichkeiten zu naschen, die es sonst auf der Burg nur sehr selten gab.

Oben konnte sie schon den Vater poltern hören. Er klang wütend, die Schwester weinte laut und bettelte den Vater an „Oh bitte Vater, hab doch ein Einsehen. Das darfst du nicht von mir verlangen!“ Sie hörte ein lautes Klatschen, dann einen schrillen Aufschrei und gleich darauf die tiefe Stimme des Vaters, die bedrohlich lauter und lauter wurde „Was ich darf entscheide ich! Du wirst meine Entscheidung hinnehmen, oder es Gnade dir Gott! Und wenn ich jetzt noch ein Wort höre, dann…“ „Amaalia Henrietta! Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht an Türen lauschen?“ Erschrocken fuhr die kleine herum und sah die dicke Amme leicht betrunken auf sich zukommen. Nicht ausgerechnet die! Und nicht ausgerechnet jetzt! Nun konnte sie nicht mehr hören, was in dem Raum vor sich ging. Schlimmer noch: Die Amme war dazu fähig, sie zur Strafe gleich ins Bett zu stecken und sie von dem fröhlichen Fest zu verbannen. Das Mädchen sah nur einen Ausweg, auch wenn sie diesen spätestens am nächsten Tag bereuen wird: die Flucht nach vorne. Sie raffte die Röcke und rannte los, an der verdutzten Amme vorbei und wieder die Treppe hinunter. Unten im Saal versteckte sie sich in einem Fenstererker, hinter einem dicken Vorhang. Das Versteck war gut. Die Amme würde sie nicht finden und sie hätte weiterhin die Möglichkeit, das Fest und das Geschehen zu beobachten.

Nach einiger Zeit kam der Vater zusammen mit der Mutter die Treppe hinunter. Er schien sehr ernst. Wer die Mutter nicht kannte, konnte meinen, sie schaue allenfalls etwas distanziert, so wie es sich für eine Dame ihres Standes eben gehörte. Doch Amaalia wusste, was in ihr vorging und erkannte die Trauer in ihrem Blick.
Dann bemerkte sie die Schwester, die zusammen mit der Amme die Treppe hinunterkam. Bildete sie sich das nur ein oder war ihre linke Wange gerötet? Sie wirkte jedenfalls sehr traurig und nachdenklich, als sie sich neben die Mutter an die große Tafel setzte. Der Vater würdigte sie keines Blickes mehr.

„Was machst du denn hier?“ Amaalia schaute zur Seite. Die zweitälteste Schwester Elisabeth stand plötzlich neben ihr. Das Versteck war vielleicht doch nicht so gut, wie sie dachte. Elisa wirkte blass. Aber das tat sie immer. Sie war stets etwas distanziert und wirkte manchmal abwesend und müde. Sie war sieben Jahre älter als Amaalia und nicht einmal ein Jahr jünger, als die älteste Schwester Margarethe. Amaalia beschloss, ihr zu erzählen, was sie gehört hatte „Grethe hatte Ärger mit Vater. Hast du eine Ahnung, warum Vater auf sie wütend sein könnte?“ Elisabeth schaute die Kleine amüsiert lächelnd an. „Du hast keine Ahnung, was wir hier für ein Fest feiern, oder?“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging kichernd davon „Was meinst du?“ rief ihr das Mädchen hinterher, doch das ging in der Lautstärke völlig unter und sie wollte ihr Versteck nicht aufgeben, um nicht von der Amme entdeckt zu werden. Was aber meinte sie?

Sie zog sich weiter zurück in den Erker und überlegte. Elisa hatte recht. Sie hatte sich so auf den Besuch und das Fest gefreut, dass ihr der Grund dafür völlig egal war. Ihr Blick fiel auf Margarethe, die wie ein Häufchen Elend neben der Mutter saß. Dabei sah sie heute so hübsch aus wie noch nie zuvor. Ihre Haare waren kunstvoll geflochten und sie hatte ein neues Kleid bekommen aus bestem Tuch aus einem weit entfernten Land. Amaalia hatte vor einigen Tagen deswegen noch eifersüchtig protestiert, wollte sie auch ein solches Kleid bekommen. Doch die Mutter erklärte ihr, dass Grethe jetzt eben so ein schönes Kleid brauchte, weil sie besonders hübsch aussehen sollte und der Vater versprach ihr, ein noch viel schöneres Kleid, aus noch kostbarerem Tuch. Da hatte sie sich beruhigt und nicht weiter nachgefragt.

Wie sie so die Schwester betrachtete und Geschehnisse und Worte der letzten Tage Revue passieren ließ, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie Sprang wie vom Blitz getroffen auf und schaute sich auf Zehenspitzen stehend um. Sie suchte dabei eine bestimmte Person, von der die Bediensteten die letzten Tage sehr oft gesprochen hatten. Und dann sah sie ihn. Sie erkannte ihn sofort, denn er war schon oft mit seinem Vater zu Besuch auf der Burg. Sie fand ihn immer etwas unsympathisch und auch heute wirkte er wieder wie ein eitler Geck mit seinen zu engen Beinkleidern und dem grün-roten Hemd. Er schaute in Elisas Richtung. Es war offensichtlich. Das dämliche Grinsen in seinem Gesicht sprach Bände.

Mit einem Mal mochte Amaalia das Fest nicht mehr. Sie wollte, dass die Menschen endlich die Burg verließen und dass alles ganz schnell vorbei war. Wie dumm war sie gewesen, nicht zu fragen, warum sie diesen Aufwand betrieben. Jetzt aber verstand sie, dass es die Verlobungsfeier ihrer Schwester mit dem trotteligen und oberflächlichen Linhart von Hohentropf war, auf die sie sich seit Tagen gefreut hatte.