Traum 11

Verloren


Brigitta wurde noch am selben Tag von der Burg gejagt Wäre ihr Vater kein reicher und mächtiger Graf, hätte Ulrich sie sicherlich ausgepeitscht und anschließend im Burggraben ertränkt. So aber kam sie mit einem blauen Auge davon, im wahrsten Sinne des Wortes.

Jakob erholte sich allmählich und wurde wieder aufgepäppelt Er war nun in Sicherheit, das wollte man zumindest glauben. Ein neues Kindermädchen kümmerte sich liebevoll um den Jungen und Amaalia hatte stets ein wachsames Auge auf ihn. Sie vertraute niemandem mehr.

Ulrich von Kohlscheid wurde wieder etwas fröhlicher. Es wurde Frühling, Brigitta war beinahe vergessen und er überraschte seine Tochter „Lass uns ausreiten. So wie früher“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, zog sich ihre Reitkleidung an und wartete dann vor dem Stall auf ihren Vater. Die Pferde wurden gesattelt und die beiden ritten hinaus. Sie unterhielten sich kaum, sondern genossen einfach die warme Frühlingssonne, die Ruhe und den Frieden in den weiten Ländereien

Erst nach ein paar Stunden, erreichten sie die Burg wieder. Doch etwas schien verändert. Alle waren heillos durcheinander. Jeder Knecht, jede Magd war aufgeregt auf der Burg unterwegs. Es sah aus, als würden sie etwas suchen. Vater und Tochter ritten auf den Hof. „Was geht hier vor sich?“ Fragte der Burgherr, noch während er auf dem Pferd saß. Ein Soldat meldete „Euer Sohn, Jakob wird vermisst“ Da sprang Ulrich vom Pferd und rannte in die Burg. Amaalia blieb verwirrt zurück. Was war geschehen? Eine Entführung? Sie glitt vom Pferd und suchte nach Martha. Ihr Amme wüsste vielleicht mehr. Sie fand sie in den Kemenaten, wie sie dort jeden Winkel nach dem Kleinkind absuchte. „Amme, was ist passiert?“ Die suchte weiter und warf ihr wie nebenbei hin „Jakob ist verschwunden. Seine Amme lag besoffen in seinem Zimmer und schlief. Der Junge wollte wohl die Burg allein erkunden.“ Amaalia blieb fast das Herz stehen vor Sorge. Ihr geliebter Bruder. Die Burg war gefährlich für so ein kleines Kind. Es gab viele Treppen und Brüstungen, die er hinunterfallen konnte. Sie suchte fieberhaft mit der Amme. Alle auf der Burg waren damit beschäftigt, die Gebäude und schließlich auch die nähere Umgebung abzusuchen. Allmählich wurde von einer Entführung gemunkelt. Dann aber hörte sie auch schon ein Wehklagen vom Hof her. Sie erstarrte, bekam keine Luft mehr. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Immer mehr Menschen schrien, weinten, klagten. Sie wollte nicht wissen, was das zu bedeuten hatte, dann erkannte sie die Stimme des Vaters, unter allen anderen„NEIN! Nicht mein Sohn!“ Es klang wie ein Tier, das ums überleben kämpfe. Amaalia kämpfte dagegen an, sich kraftlos auf den Boden sinken zu lassen. Sie musste hinausgehen. Wie in Trance bewegte sie sich. Der kurze Weg schien ihr unendlich weit. Als sie im Saal angekommen war, kam ihr auch schon eine Menschenmenge entgegen. Ulrich ging inmitten der Leute, im Arm hielt er den kleinen Jakob, er war nass, das Wasser tropfte noch von seiner Kleidung. Amaalia ging auf ihn zu, sie konnte die Augen nicht abwenden von ihrem kleinen Bruder. Wäre sein Gesicht nicht so weiß und seine Lippen nicht so blau, wären seine Augen nicht halb geöffnet gewesen, dann hätte sie sich einbilden können, er würde schlafen. „Nein! Jakob!“ schrie sie aus Leibeskräften und sank vor dem Vater auf die Knie. Durch ihren Körper schoss das Blut, ihr war heiß und kalt zugleich. In ihr fühlte es sich an, als würden sich ihre Gedärme umdrehen. Sie wünschte, sie wäre tot. Sie fühlte sich zu kraftlos, um überhaupt noch zu atmen, doch es funktionierte bedauerlicherweise wie von selbst Immer wieder schrie sie auf. Jemand berührte ihre Schulter, wollte sie beruhigen, doch sie schlug die Hand weg und weinte noch lauter, bis sie völlig kraftlos in sich zusammenbrach. Dass sie jemand hochhob und zu ihrem Zimmer hinauftrug, bemerkte sie kaum. Der Schock saß zu tief. Sie flüsterte immer nur „Sie hat mir Jakob genommen. Brigitta hat ihn mir genommen.“

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Jakob wurde beerdigt und jeder, der auch nur laufen konnte, war auf der Beerdigung. Die Menschen auf der Burg und auch die Bauern der Umgebung waren wie unter Schock, seitdem Jakob im Bach nahe der Burg ertrunken gefunden wurde. Dass der Junge dort allein hingegangen war, bezweifelte man. Es war ein Komplott, dessen war man sich sicher. Man hörte die Menschen überall flüstern „Dahinter steckt Brigitta“ doch Beweise hatte man nicht.

Ulrich von Kohlscheid war nun völlig gebrochen. Sein einziger Sohn war tot, seine durchtriebene Frau hatte er weggeschickt. Er hätte sie im Affekt töten sollen, als er noch die Gelegenheit dazu hatte, das wurde ihm nun bewusst. Es hätte bedeutet, dass Krieg ausgebrochen wäre, doch würde sein Sohn dann jetzt noch leben. Er tröstete sich mit Wein, doch seine Tochter war untröstlich. Sie weinte wochenlang, aß kaum und sprach mit niemandem ein Wort.

Die Wochen zogen ins Land und die Intrigen hinter den Kulissen wurden weitergesponnen. Trauer konnte davor nicht schützen.
Brigitta hatte es geschafft. Ihr Vater hatte sich nun eingemischt, er schien etwas gegen Ulrich in der Hand zu haben, von dem Amaalia keine Ahnung haben konnte. Die Rothaarige kam zurück auf die Burg und lächelte triumphierend Gefolgt von ihrem eigenen Gesindel betrat sie die große Halle. Eine junge Frau stand neben ihr, sie hielt einen Säugling auf dem Arm „Komm her mein Kind“ sagte sie mit falscher Freundlichkeit „Begrüße deinen kleinen Bruder Saul.“ Amaalia trat ungläubig näher und starrte den Säugling an. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Sicherlich war er das Resultat einer ihrer unzähligen Liebschaften. Brigitta lächelte süffisant vor sich hin, als könne sie Amaalias Gedanken lesen.
Sie hatte gewonnen.
Sie hatte acht Monate, nachdem sie von der Burg gejagt wurde, einen Sohn geboren und feierte nun lächelnd ihren Triumph. „Du falsche Schlange“ flüsterte das Mädchen so leise, dass es nur Brigitta hören konnte. „Aber nicht doch Kind. Wer wird denn so beleidigend sein.“ Sie senkte die Stimme und ging ganz nah ans Amaalias Ohr „Besser, du bist nett zu mir und deinem kleinen Bruder. Er ist der rechtmäßige Erbe der Burg und ich hab genug gegen deinen Vater in der Hand, um ihn köpfen zu lassen und dich für 5 Taler an ein Hurenhaus zu verkaufen“ Dann gab sie ihr einen Kuss auf die Wange und verkündete etwas lauter „Sie freut sich ja so, mich wieder zu sehen und wieder einen kleinen Bruder zu haben. Das Mädchen ist so reizend. Doch nun möchte ich in meine Räumlichkeiten gebracht werden. Die Reise war anstrengend für mich und Saul“ So schritt sie davon, Amaalia blieb im Saal zurück. Die Wut kochte in ihr, doch Brigittas Drohung zeigte Wirkung. Sie könnte es nicht ertragen, auch ihn noch zu verlieren.

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Die Zeit verstrich. Amaalia wurde dreizehn. Saul war nun in dem Alter, als Jakob starb. Das Mädchen konnte und wollte keine Bindung zu ihm aufbauen. Er war ein kleines, unschuldiges Kind, doch sie fühlte sich, als wäre er verantwortlich für Jakobs Tod. Sie würde den Sohn ihrer Mutter verraten, so fühlte es sich für sie an.

Amaalia verhielt sich ruhig und mied Brigitta. Meistens gelang es ihr, denn die Frau lebte ohnehin in ihrer eigenen Welt.
Eines Nachts wachte sie auf. Durch das Fenster hörte sie, wie auf dem Burghof gestritten wurde. Sie stand auf, um zu sehen, was dort vor sich ging. Es war ein seltsames Bild, das sich ihr bot: Der Hof war hell erleuchtet von vielen Fackeln. Dunkel gekleidete Männer umringten Ulrich von Kohlscheid. Einer stand ihm gegenüber, er hatte sein Schwert gezogen und schrie den Burgherren an. Amaalia konnte den genauen Wortlaut nicht verstehen, dann überschlugen sich auch schon die Ereignisse. Drei Männer packten ihren Vater, der wehrte sich aus Leibeskräften, war aber unterlegen. Er wurde niedergeschlagen und in einen Wagen gesteckt, der ein paar Schritte weiter bereitstand. Dann knallte eine Peitsche und der Wagen preschte davon. Amaalia klopfte das Herz bis zum Hals, was sollte sie tun? Zum Glück kam gerade ihre Amme herein. Sie war völlig aufgeregt und in Tränen aufgelöst. „Schnell, zieh das über“ Sie warf ihr ein einfaches Kleid zu. „Du musst fort von hier, schnell“ Sie drückte ihr liebevoll einen letzten Kuss auf die Stirn, wobei sie sich etwas strecken musste, denn ihr kleiner Zögling war mittlerweile ein paar Zentimeter größer, als sie. „Gehe durch den Geheimgang, in dem du dich als Kind immer aus der Burg geschlichen hast. Ich habe dem Stallburschen befohlen, ein Pferd zu satteln und an den Bach zu bringen“ Während sie sprach, warf sie dem perplexen Mädchen einen Umhang über und schob sie weiter. „Aber Amme. Wo haben sie Vater hingebracht? Was wird mit dir?“ „Mach dir keine Gedanken um mich. Reite nur so schnell du kannst zu Margarethe, meide die Wege, ich weiß, du kannst das.“ Amaalia wollte gerade protestieren, da hörten sie Stimmen und Schritte. Sie schoben ein Regal zu Seite, hinter der sich eine Öffnung befand. Sie verschwand in dem engen Gang und drehte sich noch ein letztes Mal zu Martha um„Großmütterchen“ „LAUF! Lia, lauuuf!“ Dann wurde es dunkel und sie lief blind den Gang entlang, bis sie endlich nach draußen gelangte. Der Ausgang war zugewachsen. Sie kämpfte sich durch Gestrüpp. Dornen zerkratzten die Haut an ihren Armen, zerrissen ihr Kleid. Als sie sich endlich befreit hatte lief sie zum Bach, dort stand ein Pferd, nicht ihres, aber das war nun Nebensache. Sie schwang sich in den Sattel und ritt los, so schnell das Pferd konnte.