Die Ehe
Giuliano
war ihr ein guter Ehemann, er schien sie tatsächlich aufrichtig zu
lieben, wollte sie auf Händen tragen. Er versuchte, ihr das
ungewohnte Leben in Florenz möglichst leicht zu machen. Sie lebte in
einem vornehmen Haus mit Angestellten, wie es einem reichen Händler
gebührte. Ihr Italienisch war so gut, dass sie knappe Anweisungen
geben konnte und beinahe alles verstand. Doch sie wollte nicht mehr
sprechen, niemanden an sich heranlassen. Allmählich gewöhnte sie
sich sogar an Giuliano, wenngleich selbst nach drei Jahren nie so
etwas wie Zuneigung zu ihm entstehen wollte. Sie fühlte sich
eingesperrt in einen goldenen Käfig und ihre ehelichen Pflichten
waren ihr zuwider. Sie zog sich daher immer mehr in sich zurück,
wirkte bedrückt und nachdenklich. „Lach doch mal, mia bella
bionda!“ Sagte Giuliano manchmal verzweifelt. „Ich habe
eine so wunderschöne, junge Frau und kann mich nicht an ihr
erfreuen, weil sie nur Trübsal bläst“ Doch sie war nicht in
der Lage, ihm den Gefallen zu tun. Zu tief saßen Schmerz, Sorgen und
Schock wegen der vergangenen Dinge. Wo war ihr Vater? Niemand konnte
ihr Auskunft geben, den Bischof bekam sie seit dem letzten Male nicht
mehr zu Gesicht. Sie schrieb ihm verzweifelte Briefe, die aber
unbeantwortet blieben. Auch die Tatsache, dass sie einen Menschen in
Notwehr getötet hatte, ließ ihr keine Ruhe. Die Bilder verfolgten
sie bis in ihre Träume, waren oft auch am helllichten Tag präsent.
Sie wünschte sich weg. Weit weg. Am liebsten hätte sie ein Pferd
gesattelt und wäre damit in die umliegenden Wälder geritten, wie
sie es als Kind getan hatte. Doch sie wusste, dass das ausweglos war.
Sie kannte sich hier nicht aus, nie kam sie aus der großen Stadt,
wusste nicht, was außerhalb der Stadtmauern auf sie warten
würde.
Die Ehe blieb kinderlos. Giulianos Familie wurde bereits nervös. Sie sprachen über Amaalia, als wäre sie nicht anwesend oder als würde sie kein Wort verstehen. Doch sie war da und sie verstand. Alles. Eine Schande sei es, dass sie sich auf diesen „Handel“ eingelassen hatten. Man würde sich beim Bischof beschweren und Schadensersatz fordern. Das Haus brauche einen Erben. Giuliano aber stand hinter seiner jungen Frau und besänftige seine Familie. Sie sei noch jung und sicherlich wären sie bald mit gesunden Kindern gesegnet. Nur Amaalia war erleichtert, dass es bislang nicht geklappt hatte. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Zu Trauer und Verzweiflung mischte sich eine schwere Melancholie, die wie eine bleierne Wolke über dem Haus hing.
„Ich kann das nicht mehr mit ansehen“ sagte Giuliano eines Tages „Ich schicke dich fort“ Amaalia sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schüttelte kaum merklich den Kopf „Wohin willst du mich schicken? Verstößt du mich ins Kloster, Giuliano?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Giuliano sah sie traurig an, nahm ihr Gesicht in seine Hände und sagte leise „Du gehörst mir nicht, Amaalia. Und du wirst mir nie gehören. Du bist wie ein kleiner, eingesperrter Vogel, der seiner Freiheit beraubt wurde. Wenn ich dich hier behalte, wirst du ...“ Er brach ab und betrachtete ihr Gesicht, strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn „Ich lasse dich gehen. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du dich quälst und jeden Tag ein Stück mehr stirbst. Ich war ein Narr, wenn ich glaubte, du könntest mich eines Tages genau so lieben.“ Sie war nicht fähig, etwas zu erwidern. In ihrem Innern brodelte es. Ihr war plötzlich heiß und ihr wurde schlecht. Was geschah nun? Wo würde sie hingehen? „Ich lasse dich in deine Heimat zurückkehren. Weit genug weg von deines Vaters Burg. Du lebst einfach ein freieres Leben, bleibst nicht mehr in dieser Stadt und in dieses Haus gesperrt. Du kannst reiten gehen, dich mit Menschen in deiner Muttersprache unterhalten. Du müsstest nur deinen Namen verschweigen... Es wäre wie... du wärst frei.“ Zum ersten Mal erkannte sie in Giuliano mehr, als nur den Mann, den sie heiraten musste. Sie empfand mehr als bloße Dankbarkeit, dafür, dass er sie bei sich aufgenommen hat. Doch nun sollte sie gehen. Er öffnete für sie eine imaginäre Tür und sie hatte den großen Wunsch, sie zu durchschreiten. Es war beinahe zu einfach. Was war der Preis dafür? Welchen Preis würde er dafür bezahlen, wenn man ihn fragte, wo seine Frau abgeblieben ist? Es war ihr egal. „Danke“ Mehr konnte sie nicht sagen. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sein Gesichtsausdruck wurde ganz ernst. Er nickte, küsste sie ein letztes Mal auf die Stirn, schaute ihr dann mit seinen dunklen Augen tief in ihre blauen „Morgen reist du ab.“ Dann drehte er sich um und ließ sie allein zurück. Sie fühlte sich verloren. Was gab sie auf? Ein Leben in Wohlstand und in Sicherheit. Sie tauschte es gegen die Ungewissheit. Sie würde alleine sein in einem Land, in dem sie niemanden mehr kannte, niemanden hatte. Wollte sie das wirklich? Neu anfangen? Ganz alleine? Immer in der Gefahr, Brigitta würde sie finden und ihren Vater rächen? Sie hatte Angst, fühlte sich leer und gleichzeitig ausgefüllt von einem lodernden Feuer. Es war, als würde sich ihr Innerstes nach außen kehren. Die seelische Zerrissenheit bereitete ihr körperliche Schmerzen. Tränen der Verzweiflung, die sie schon so oft geweint hatte, fühlten sich dieses mal auf ihrer Haut an, wie Perlen aus Glut. Sie versuchte, sich bewusst zu machen, dass es ein notwendiger Neuanfang war. Es gab kein Zurück. Giuliano hatte entschieden. Ihm zuliebe wollte sie gehen. Er könnte wieder heiraten. Eine Frau, die seiner Gerecht wird und ihm Kinder schenkte.
Ein neues Leben begann
Sie kam am 22. des Monats Hornung im Jahre 1457 im Alter von fast 19 Jahren in Memmingen an. Giuliano hatte für sie ein kleines Haus kaufen lassen. Sie hatte Dank ihm das nötigste, um neu anfangen zu können. Schon bald lernte sie die Menschen in der kleinen Stadt kennen, schloss Freundschaften, verreiste. Anfangs war sie noch bemüht, nicht zu viel von sich Preis zu geben. Doch man interessierte sich ohnehin nur für die Gegenwart und für die Zukunft. Keiner fragte sie nach der Vergangenheit und das war gut so. Das Volk wurde ihre Maske. Sie war von nun an nur noch Amaalia und sie ging in ihrer neuen Rolle auf. Allmählich wich die Angst, man könne sie finden, sie begann freier zu Leben und traute sich mehr zu. Amaalia war endlich wieder in der Lage, etwas anderes als Trauer zu empfinden, obwohl sie nie wieder etwas über ihren Vater hörte. Sie fand Trost im Alltag, konnte sich verlieben, nahm Ämter an und ging völlig auf in der Arbeit als Bürgermeisterin. Zunächst in Buchen, dann in Freising. Nichts erinnerte sie mehr daran, dass Brigitta immer noch eine Gefahr für sie darstellte. Es schien beinahe wie vergessen. Vielleicht hatte sie genug gebüßt, für das was sie tat. Zumindest wollte sie sich das einreden.
Zwei Jahre waren vergangen, seitdem sie Giuliano verlassen hatte. Sie lebte in Freising, war mit einem Mann verlobt und fühlte sich glücklich. Es gelang ihr fast gänzlich, die Vergangenheit zu vergessen. Der Alltag gab ihr einfach ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Nur hatte sie eine Angewohnheit: Nachts, wenn sie alleine zu Hause war oder in ihrem Arbeitszimmer im Rathaus noch bis spät arbeiten musste, verschloss sie von innen die Türe.
Sie tat dies auch an jenem Winterabend. Draußen war es bitterkalt, der Schnee bedeckte die Straßen und Hausdächer von Freising. Amaalia hatte viel zu tun. Sie war bis spät in die Nacht beschäftigt, schrieb Briefe und las Berichte. Sie liebte diese Arbeit, also tat sie es gerne. Im Arbeitszimmer brannte das Feuer im Kamin langsam herunter, es würde bald erlöschen. Dann wäre sie auch mit ihrer Arbeit fertig und würde nach Hause gehen. Sie fröstelte plötzlich, obwohl es im Raum eigentlich sehr warm war. Der Vorhang bewegte sich, der Wind hatte ein Fenster aufgedrückt, welches wohl nicht richtig verschlossen war. Sie stand auf, um es wieder zu verschließen und wollte sich dann daran machen, ihre Arbeit zu beenden. Doch etwas war nun anders. Es war nur ein Gefühl. Es überkam sie plötzlich, wie eine eiskalte Windböe, die ihr ins Gesicht bläst. Angst. Wieso? Sie fühlte sich beobachtet. Ihre Augen suchten den Raum ab. Doch natürlich sah sie niemanden. Sie war alleine im Rathaus, niemand könne hierher kommen, die Tür war verschlossen. Doch das Gefühl war zu stark. Red dir keinen Blödsinn ein, dachte sie bei sich und versuchte sich wieder auf den letzten Brief zu konzentrieren, der noch geschrieben werden wollte. Ihre Hand zitterte, sie war nervös. Die Schrift war unschön, kaum noch zu lesen. Amaalia musste die Feder beiseite legen. Ihre Hände waren eiskalt, sie rieb sie, beschloss dann, eben doch schon Schluss zu machen. Die Kerzen wurden gelöscht, bis auf eine. Sie warf sich ihren Umhang über und nahm den Kerzenständer. Dann machte sie sich daran, die Tür zu öffnen, doch das Gefühl wurde immer stärker. Sie bemerkte, dass jemand da war, eine Bewegung. Sie drehte sich um, atmete schnell. Sie hatte Panik, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Im Takt des Herzschlags dachte sie nur immer an den Namen„Brigitta, Brigitta,...“ Ihre Augen suchten angestrengt den Raum ab, doch es war viel zu dunkel. Das Licht der Kerze war zu schwach, vom Feuer im Kamin war nur noch die Glut übrig.
Sie wollte nicht fragen, sie wollte es nicht wissen. Doch dann hörte sie sich selbst sagen „wer ist da?“ Er wurde von Brigitta geschickt, er hatte sie gefunden, war in ihr Heiligstes eingedrungen, hatte sich in ihren Alltag geschlichen, weil sie unachtsam war und nicht mehr geglaubt hatte, dass all das noch nicht ausgestanden war. Ein Schatten kam auf sie zu, sie erschrak so sehr, dass ihr der Kerzenständer aus der Hand fiel. Das Licht erlosch, Dunkelheit umschloss sie. Er war ihr nahe, sie spürte senine Anwesenheit, als er mit knarrender Stimme auf ihre Frage antwortete „Der Tod, mein Schatz“. Er beruehrte sie, kam ihr noch naeher. Ihr Herz klopfte, sie hoerte das Blut durch ihren Kopf rauschen, wagte nicht, einen Mucks von sich zu geben. Er fluesterte "Ruhig" seine Stimme war beinahe zaertlich, doch sie wusste, dass er nur hier war, um Unheil ueber sie zu bringen. Er packe sie am Hinterkopf an ihren Haaren, sie war gezwungen, den Kopf nach hinten zu legen, der Hals lag frei. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den Schatten an, atmete schneller. Sie wollte schreien, doch wagte es nicht. Sie war wie gelähmt vor Angst, wünschte sich, der Boden würde sich auftun und sie verschlingen. Und so kam es. Sie spürte, seine Hand an ihrem Hals. Es ging ganz schnell. Sie hatte nicht mehr die Gelegenheit, sich zu wehren, da tat sich die Dunkelheit auf und umhüllte sie völlig, wie ein großer, alles verdeckender Mantel.
Als sie wieder aufwachte, erinnerte sie sich an nichts. Ihre Kindheit und Jugend, ihr ganzes Leben war wie ausgelöscht. Sie befand sich in einem Kloster, dort würde sie die kommenden vier Jahre verbringen.
Die Ehe blieb kinderlos. Giulianos Familie wurde bereits nervös. Sie sprachen über Amaalia, als wäre sie nicht anwesend oder als würde sie kein Wort verstehen. Doch sie war da und sie verstand. Alles. Eine Schande sei es, dass sie sich auf diesen „Handel“ eingelassen hatten. Man würde sich beim Bischof beschweren und Schadensersatz fordern. Das Haus brauche einen Erben. Giuliano aber stand hinter seiner jungen Frau und besänftige seine Familie. Sie sei noch jung und sicherlich wären sie bald mit gesunden Kindern gesegnet. Nur Amaalia war erleichtert, dass es bislang nicht geklappt hatte. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Zu Trauer und Verzweiflung mischte sich eine schwere Melancholie, die wie eine bleierne Wolke über dem Haus hing.
„Ich kann das nicht mehr mit ansehen“ sagte Giuliano eines Tages „Ich schicke dich fort“ Amaalia sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schüttelte kaum merklich den Kopf „Wohin willst du mich schicken? Verstößt du mich ins Kloster, Giuliano?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Giuliano sah sie traurig an, nahm ihr Gesicht in seine Hände und sagte leise „Du gehörst mir nicht, Amaalia. Und du wirst mir nie gehören. Du bist wie ein kleiner, eingesperrter Vogel, der seiner Freiheit beraubt wurde. Wenn ich dich hier behalte, wirst du ...“ Er brach ab und betrachtete ihr Gesicht, strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn „Ich lasse dich gehen. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du dich quälst und jeden Tag ein Stück mehr stirbst. Ich war ein Narr, wenn ich glaubte, du könntest mich eines Tages genau so lieben.“ Sie war nicht fähig, etwas zu erwidern. In ihrem Innern brodelte es. Ihr war plötzlich heiß und ihr wurde schlecht. Was geschah nun? Wo würde sie hingehen? „Ich lasse dich in deine Heimat zurückkehren. Weit genug weg von deines Vaters Burg. Du lebst einfach ein freieres Leben, bleibst nicht mehr in dieser Stadt und in dieses Haus gesperrt. Du kannst reiten gehen, dich mit Menschen in deiner Muttersprache unterhalten. Du müsstest nur deinen Namen verschweigen... Es wäre wie... du wärst frei.“ Zum ersten Mal erkannte sie in Giuliano mehr, als nur den Mann, den sie heiraten musste. Sie empfand mehr als bloße Dankbarkeit, dafür, dass er sie bei sich aufgenommen hat. Doch nun sollte sie gehen. Er öffnete für sie eine imaginäre Tür und sie hatte den großen Wunsch, sie zu durchschreiten. Es war beinahe zu einfach. Was war der Preis dafür? Welchen Preis würde er dafür bezahlen, wenn man ihn fragte, wo seine Frau abgeblieben ist? Es war ihr egal. „Danke“ Mehr konnte sie nicht sagen. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sein Gesichtsausdruck wurde ganz ernst. Er nickte, küsste sie ein letztes Mal auf die Stirn, schaute ihr dann mit seinen dunklen Augen tief in ihre blauen „Morgen reist du ab.“ Dann drehte er sich um und ließ sie allein zurück. Sie fühlte sich verloren. Was gab sie auf? Ein Leben in Wohlstand und in Sicherheit. Sie tauschte es gegen die Ungewissheit. Sie würde alleine sein in einem Land, in dem sie niemanden mehr kannte, niemanden hatte. Wollte sie das wirklich? Neu anfangen? Ganz alleine? Immer in der Gefahr, Brigitta würde sie finden und ihren Vater rächen? Sie hatte Angst, fühlte sich leer und gleichzeitig ausgefüllt von einem lodernden Feuer. Es war, als würde sich ihr Innerstes nach außen kehren. Die seelische Zerrissenheit bereitete ihr körperliche Schmerzen. Tränen der Verzweiflung, die sie schon so oft geweint hatte, fühlten sich dieses mal auf ihrer Haut an, wie Perlen aus Glut. Sie versuchte, sich bewusst zu machen, dass es ein notwendiger Neuanfang war. Es gab kein Zurück. Giuliano hatte entschieden. Ihm zuliebe wollte sie gehen. Er könnte wieder heiraten. Eine Frau, die seiner Gerecht wird und ihm Kinder schenkte.
Ein neues Leben begann
Sie kam am 22. des Monats Hornung im Jahre 1457 im Alter von fast 19 Jahren in Memmingen an. Giuliano hatte für sie ein kleines Haus kaufen lassen. Sie hatte Dank ihm das nötigste, um neu anfangen zu können. Schon bald lernte sie die Menschen in der kleinen Stadt kennen, schloss Freundschaften, verreiste. Anfangs war sie noch bemüht, nicht zu viel von sich Preis zu geben. Doch man interessierte sich ohnehin nur für die Gegenwart und für die Zukunft. Keiner fragte sie nach der Vergangenheit und das war gut so. Das Volk wurde ihre Maske. Sie war von nun an nur noch Amaalia und sie ging in ihrer neuen Rolle auf. Allmählich wich die Angst, man könne sie finden, sie begann freier zu Leben und traute sich mehr zu. Amaalia war endlich wieder in der Lage, etwas anderes als Trauer zu empfinden, obwohl sie nie wieder etwas über ihren Vater hörte. Sie fand Trost im Alltag, konnte sich verlieben, nahm Ämter an und ging völlig auf in der Arbeit als Bürgermeisterin. Zunächst in Buchen, dann in Freising. Nichts erinnerte sie mehr daran, dass Brigitta immer noch eine Gefahr für sie darstellte. Es schien beinahe wie vergessen. Vielleicht hatte sie genug gebüßt, für das was sie tat. Zumindest wollte sie sich das einreden.
Zwei Jahre waren vergangen, seitdem sie Giuliano verlassen hatte. Sie lebte in Freising, war mit einem Mann verlobt und fühlte sich glücklich. Es gelang ihr fast gänzlich, die Vergangenheit zu vergessen. Der Alltag gab ihr einfach ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Nur hatte sie eine Angewohnheit: Nachts, wenn sie alleine zu Hause war oder in ihrem Arbeitszimmer im Rathaus noch bis spät arbeiten musste, verschloss sie von innen die Türe.
Sie tat dies auch an jenem Winterabend. Draußen war es bitterkalt, der Schnee bedeckte die Straßen und Hausdächer von Freising. Amaalia hatte viel zu tun. Sie war bis spät in die Nacht beschäftigt, schrieb Briefe und las Berichte. Sie liebte diese Arbeit, also tat sie es gerne. Im Arbeitszimmer brannte das Feuer im Kamin langsam herunter, es würde bald erlöschen. Dann wäre sie auch mit ihrer Arbeit fertig und würde nach Hause gehen. Sie fröstelte plötzlich, obwohl es im Raum eigentlich sehr warm war. Der Vorhang bewegte sich, der Wind hatte ein Fenster aufgedrückt, welches wohl nicht richtig verschlossen war. Sie stand auf, um es wieder zu verschließen und wollte sich dann daran machen, ihre Arbeit zu beenden. Doch etwas war nun anders. Es war nur ein Gefühl. Es überkam sie plötzlich, wie eine eiskalte Windböe, die ihr ins Gesicht bläst. Angst. Wieso? Sie fühlte sich beobachtet. Ihre Augen suchten den Raum ab. Doch natürlich sah sie niemanden. Sie war alleine im Rathaus, niemand könne hierher kommen, die Tür war verschlossen. Doch das Gefühl war zu stark. Red dir keinen Blödsinn ein, dachte sie bei sich und versuchte sich wieder auf den letzten Brief zu konzentrieren, der noch geschrieben werden wollte. Ihre Hand zitterte, sie war nervös. Die Schrift war unschön, kaum noch zu lesen. Amaalia musste die Feder beiseite legen. Ihre Hände waren eiskalt, sie rieb sie, beschloss dann, eben doch schon Schluss zu machen. Die Kerzen wurden gelöscht, bis auf eine. Sie warf sich ihren Umhang über und nahm den Kerzenständer. Dann machte sie sich daran, die Tür zu öffnen, doch das Gefühl wurde immer stärker. Sie bemerkte, dass jemand da war, eine Bewegung. Sie drehte sich um, atmete schnell. Sie hatte Panik, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Im Takt des Herzschlags dachte sie nur immer an den Namen„Brigitta, Brigitta,...“ Ihre Augen suchten angestrengt den Raum ab, doch es war viel zu dunkel. Das Licht der Kerze war zu schwach, vom Feuer im Kamin war nur noch die Glut übrig.
Sie wollte nicht fragen, sie wollte es nicht wissen. Doch dann hörte sie sich selbst sagen „wer ist da?“ Er wurde von Brigitta geschickt, er hatte sie gefunden, war in ihr Heiligstes eingedrungen, hatte sich in ihren Alltag geschlichen, weil sie unachtsam war und nicht mehr geglaubt hatte, dass all das noch nicht ausgestanden war. Ein Schatten kam auf sie zu, sie erschrak so sehr, dass ihr der Kerzenständer aus der Hand fiel. Das Licht erlosch, Dunkelheit umschloss sie. Er war ihr nahe, sie spürte senine Anwesenheit, als er mit knarrender Stimme auf ihre Frage antwortete „Der Tod, mein Schatz“. Er beruehrte sie, kam ihr noch naeher. Ihr Herz klopfte, sie hoerte das Blut durch ihren Kopf rauschen, wagte nicht, einen Mucks von sich zu geben. Er fluesterte "Ruhig" seine Stimme war beinahe zaertlich, doch sie wusste, dass er nur hier war, um Unheil ueber sie zu bringen. Er packe sie am Hinterkopf an ihren Haaren, sie war gezwungen, den Kopf nach hinten zu legen, der Hals lag frei. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den Schatten an, atmete schneller. Sie wollte schreien, doch wagte es nicht. Sie war wie gelähmt vor Angst, wünschte sich, der Boden würde sich auftun und sie verschlingen. Und so kam es. Sie spürte, seine Hand an ihrem Hals. Es ging ganz schnell. Sie hatte nicht mehr die Gelegenheit, sich zu wehren, da tat sich die Dunkelheit auf und umhüllte sie völlig, wie ein großer, alles verdeckender Mantel.
Als sie wieder aufwachte, erinnerte sie sich an nichts. Ihre Kindheit und Jugend, ihr ganzes Leben war wie ausgelöscht. Sie befand sich in einem Kloster, dort würde sie die kommenden vier Jahre verbringen.