Traum 4

Margarethe

Amaalia verbrachte den Tag und die Nacht in Margarthes Zimmer. Man hatte ihr verboten, den Raum zu verlassen, sie solle nicht im Weg stehen. Aber sie machte sich Sorgen um Elisabeth, auch wenn sie ansonsten kein sehr inniges Verhältnis zueinander pflegten. Niemand konnte ihr etwas sagen. Hin und wieder schickte Margarethe ihre Bedienstete hinaus, um sich zu erkundigen. Doch auch sie kam jedes Mal kopfschüttelnd wieder herein. Auch die Magd, die das Abendbrot zu ihnen brachte, wusste nichts. „Lass mich doch einmal hinausgehen, Grethe. Man übersieht mich leicht, vielleicht kann ich ja etwas in Erfahrung bringen.“ „Sei nicht so ungeduldig, Lia. Götz hat einen sehr guten Leibarzt auf der Burg. Er untersucht Elisa und kümmert sich um sie.“ 

Doch das konnte Amaalia nicht beruhigen. Die Amme schimpfte immer über die Herren der Medizin. Sie war der Meinung, es währe Teufelswerk und man hätte gehört, dass mancher Medicus eine Erkrankung erst noch verschlimmerte. Amaalias Amme war Kräuterkundige und konnte kleinere Leiden mit getrockneten Kräutern in Form von Tees und Umschlägen lindern und heilen. Leider war sie aber auf der heimischen Burg geblieben, war man ja der Meinung, Amaalia bräuchte auf dieser kurzen Reise keine Aufsichtsperson. Das Kind wünschte sich die Amme her, denn sie war sich sicher, sie wüsste, was zu tun sei. „Lass uns nach Martha schicken!“ Die große Schwester lächelte sanft „Vermisst du deine Amme, kleine Lia?“ „Nein!“ Amaalia wurde zornig. Sie mochte es nicht, wenn man sie wie ein kleines Kind behandelte. „Dieser Medicus macht bestimmt alles noch schlimmer. Lass uns Martha holen. Sie hat viele Kräuter und weiß, was gegen Bauchschmerzen hilft.“ „Sei nicht so naiv, Lia. Elisa ist ernsthaft krank und hat nicht einfach nur Bauchschmerzen. Ihr wird kein Tee der Welt helfen. Wir sollten auf den Medicus vertrauen.“ Margarethe drehte sich um und ging zur Wiege des kleinen Giselhers. Amaalia wusste, dass sie nun nicht weiter reden sollte. Trotzig stampfte sie mit dem Fuß auf. Warum wurde sie nicht ernst genommen. Sie war immerhin schon sieben Jahre alt. 

Grethe war mit ihrem Kind beschäftigt. Dessen Amme war erschöpft in einem Sessel eingeschlafen. Kurzentschlossen machte das Mädchen auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum leise. Es gab jetzt nur eine Möglichkeit. Sie riskierte nicht mehr, als geschimpft zu werden. Vielleicht würde ihr Mutter dafür das Pferd wegnehmen lassen, aber es war ihr egal. Sie eilte durch die Gänge und eine Treppe hinauf. Von einer Magd hatte sie gehört, dass man Elisabeth in das Schlafzimmer der Burgherrin gebracht hatte. Oben angelangt verlangsamte sich ihr Schritt. Sie sah den Vater nervös auf und ab schreiten. Die Mutter war nicht zu sehen. Welch Glück.„Vater!“ sie rannte auf ihn zu und warf sich in seine Arme. „Wie geht es Elisabeth?“ „Du solltest nicht hier sein, Amaalia“ sagte der Vater, betont streng. „Der Medicus meint, Elisa leide an einem Überschuss schwarzer Galle. Wir sind nicht sicher, was das ausgelöst hat, doch solltest du nun wieder zu Margarethe gehen.“ Amaalia legte den Kopf schief und blickte den Vater ernst an „Lass uns Martha holen. Sie kennt sich mir Kräutern aus“ Ulrich von Kohlscheid schob seine Tochter sanft aber bestimmt von sich „Es ist nun nicht die richtige Zeit für Kräuterweiber. Und nun geh zurück zu Margarethe. Ich dulde keinen Widerspruch!“ Sein Blick und seine Stimme verrieten, dass sie besser schwieg. Mit gesenktem Kopf sagte sie „Ja Vater.“ und drehte sich um, um geknickt zurück zur ältesten Schwester zu gehen. Diese schien schon auf sie gewartet zu haben, denn sie saß aufrecht mit einer Stickerei auf einem Stuhl, ohne aber mit ihrer Arbeit beschäftigt zu sein. „Vater scheint von deiner Idee auch nichts zu halten“ bemerkte sie leise. Amaalia setzte sich stumm neben sie. Es war zum Haareraufen. 

Es wurde später und später. Als die Müdigkeit sie zu übermannen schien, legte sie sich mit der großen Schwester in das Bett. Margarethe umarmte die kleine und sang ihr ein leises Wiegenlied vor. Das Mädchen schloss die Augen und flüsterte „Es ist wie früher, als du noch bei uns gelebt hast. Ich kam nachts zu dir ins Bett und du hast mir immer dieses Lied vorgesungen.“ "Nichts bleibt, wie es war, kleine Lia. Auch wenn wir uns noch so sehr dagegen wehren, es ist unaufhaltsam“ Es klang Wehmut mit in ihrer Stimme. Amaalia überlegte, ob sie sehr unglücklich war, sprach die Gedanken aber nicht aus. „Aber eines muss ich schon sagen…“ Sie lächelte mit geschlossenen Augen und fügte schalkhaft hinzu “Die Betten sind um einiges weicher und bequemer, als auf Vaters Burg.“ Grethe kicherte leise und zwickte Amaalia sanft in die Seite. Dann schliefen beide ein. 

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Die Türe wurde laut zugeschlagen, Amaalia war plötzlich hellwach und setzte sich auf. Eine Dienstmagd öffnete gerade die Fensterläden. Margarethe war schon aufgestanden und hielt ihren Sohn im Arm. An der Türe stand mit dem Rücken zu ihr eine nur allzu bekannte Person. Amaalia rieb sich die Augen. „Kann das wahr sein? Amme? Amme!“ Mit einem Satz war sie aus dem Bett gesprungen und rannte auf die dicke Amme zu. Die drehte sich um und öffnete die Arme, um das Mädchen aufzufangen. „Grethe hat nach mir schicken lassen. Der Kutscher hat mich bei Nacht und Nebel hierher gebracht.“ Beide schauten zu Grethe, die breit lächelte.„Ich hab es mir gestern anders überlegt. Du hast Recht, Lia. Wir sollten es wenigstens versuchen. Es gilt nur, Vater und Mutter zu überzeugen, dass Martha mehr Ahnung hat, als der Medicus.“ „Ach was. Das lasst ganz meine Sorge sein. Ich wasche mir geschwind den Reisestaub ab, dann lasst ihr mich zu Elisabeth bringen.“ sagte sie und trat an den Waschtisch. 

Eine Bedienstete brachte die Amme hinauf. Amaalia und Grethe fürchteten den Zorn des Vaters, der sich am Vorabend unmissverständlich ausgedrückt hatte. Doch das Mädchen war sich sicher, dass sich die resolute Amme wird durchsetzen können. 

Nach bangen Stunden des Wartens kam sie dann endlich wieder. Sie wirkte erschöpft und ließ sich müde auf den Sessel plumpsen. Amaalia belagerte sie sogleich und fragte sie aufgeregt tausend Fragen. Die Amme aber winkte nur ab. „Es ist sinnlos“ „Oh nein! So sprich doch Amme. Was ist geschehen?“ „Wenn ich nicht augenblicklich etws zu Essen bekomme, dann klappe ich noch zusammen oder falle von Fleisch.“ Margarethe hörte das und schickte sogleich ihre Bedienstete in die Küche, der Amme ein Mahl zu richten. Es dauerte eine Weile, bis das Essen gebracht wurde und es war sinnlos, die erschöpfte Frau noch etwas zu fragen. Als sie aufgegessen hatte, atmete sie tief durch und ließ sich in den Stuhl zurücksinken. „Diese selbsternannten Männer der Medizin gehören allesamt aufgehängt.“ Margarethe und Amaalia hörten gespannt zu „Sie haben den Raum völlig abgeschottet von Licht und frischer Luft. Die arme Elisabeth wurde mehrfach zur Ader gelassen und sollte mit nassen Leintüchern eingewickelt werden. Den letzten Aderlass konnte ich verhindern, Gott seis gedankt. Wer weiß, was sonst geschehen wäre, das Kind ist ja bereits völlig entkräftet von dieser Prozedur. Ich habe den Medicus dann so beschimpft, dass er beleidigt von dannen zog. Er hat geschworen, er würde seinen Dienst quittieren, würde ich ihm noch einmal über den Weg laufen. Als er endlich weg war, ließ ich die Fensterläden öffnen und einen Tee für Elisa zubereiten. Jeder der ein wenig Ahnung hat, weiß doch, dass Pfefferminze gegen schwarze Galle wirkt. Natürlich mischte ich auch ein wenig Estragon, Salbei, Johanneskraut und andere Kräuter dazu.“ „Und nun?“ Amaalia konnte die Aufregung nicht mehr ertragen „Wie geht es Elisabeth?“ „Sie ist sehr schwach. Ich habe sie mit Fleischbrühe gefüttert und ihr den Tee eingeflößt. Elisabeth war immer schon sehr schwach und melancholisch. Der Arzt mag ja recht haben mit der Vermutung, sie hätte zu viel schwarze Galle. Doch wenn er ihr das ganze Blut abzapft, stirbt sie an Blutverlust und sonst nichts.“ 

Amaalia war erleichtert. Sie war der Amme sehr dankbar, dass sie so schnell gekommen war und noch mehr dankte sie Margarethe, die sie doch ernst genommen hatte und die nach ihr schicken ließ. Elisabeth würde sich erholen können.