Traum 1

Vorfreude


Blonde, vom Schlaf unordentliche Zöpfe, rote Bäckchen und ein Gesicht wie ein Püppchen. Das kleine Mädchen war vielleicht 6 Jahre alt und rief aufgeregt: „Warum hat mich denn keiner aufgeweckt?“ Die dicke Amme versuchte noch, das Kind aufzuhalten, aber es war zu flink, sprang aus dem Bett und verschwand aus dem Raum, einen dunklen Gang entlang und dann die breite Treppe hinunter, die geradewegs zu dem Saal führte. Normalerweise stank es dort zu so früher Stunde, denn hier nächtigte ein großer Teil des Gesindels, zusammen mit Hunden, ein paar Hühnern, Ziegen und ganz gewiss der ein oder anderen Ratte. Heute war aber alles anders. Die Fensterläden waren geöffnet, um Luft und Licht hereinzulassen. Der Saal war bereits gefegt und frisches Stroh wurde ausgestreut. Dazu kamen duftende Kräuter.

Auf dem Hof waren alle sehr beschäftigt. Die kleine rannte zick zack um die vielen Handwerker, Mägde und Knappen, die alle ihrer Arbeit nachgingen. Ein Knecht stolperte gar ihretwegen, beim Versuch, ihr aus dem Weg zu gehen und ließ dabei einen vollen Eimer Wasser fallen. Das blonde Mädchen aber rannte nur kichernd weiter, machte einen weiten Bogen um ein paar Soldaten und erreichte dann das untere Torhaus der kleinen Trutzburg.

Ohne Halt zu machen stapfte sie die steile Stiege hinauf, wo der alte Olaf Dienst hatte. „Sind sie schon da? Kannst du schon etwas sehen?“ Die Mauer war zu hoch, selbst auf Zehenspitzen stehend konnte sie nicht über die Brüstung sehen. Sie Hüpfte aufgeregt auf der Stelle, doch es war vergebens „Hebe mich hoch!“ befahl sie mit ihrer dünnen Kinderstimme. Olaf konnte darüber nur grinsen und tat wie ihm befohlen. Sie strengte sich an und suchte den Horizont mit ihren Augen ab. Nichts. „Die kommen erst später. Geht euch erst einmal anziehen, ehe euch eure Mutter so sieht und einen hysterischen Anfall bekommt“ Dann stellte er sie lachend auf den Boden zurück.

Die kleine verschränkte die Arme vor der Brust und schob schmollend die Unterlippe nach vorne. Gerade wollte sie laut protestieren und ihm vorwerfen, er würde in die falsche Richtung schauen, da erklang die Stimme der Amme aus der Ferne „AMAALIA HENRIETTA!“ Genervt verdrehte das Kind die Augen und stampfte wütend mit dem nackten Füßchen. „Wo steckt dieses Kind nur?“ Die schrille Stimme schien nun am Fuß der Stiege angekommen zu sein. „Kommst du herunter oder muss sich deine arme, alte Amme erst hinauf quälen?“ 

Das lustige Spiel war aus, sie musste sich ergeben und stampfte trotzig die Treppe hinunter „Jahaa… Ich komme ja schon, Amme“ Diese stand schnaufend vor der niedrigen Türe, die Hände in die Seiten gestemmt und ihr Gesichtsausdruck sprach für sich. Die Kleine konnte sich denken, was jetzt kommen würde, also schaute sie nur zu Boden und ertrug die Schelte, ohne aber wirklich zuzuhören „Was sollen denn unsere Gäste von uns denken, wenn die jüngste Tochter des Burgherren barfuß und im Nachtkleid durch die Burg rennt und die Hühner deswegen vor Schreck schlechte Eier legen?“ 

Sie nahm die kleine unsanft am Unterarm und schritt schwerfällig wieder zur Hauptburg hinauf. Das Kind trottete hinterher. „Jetzt kommst du erst einmal in den Zuber und danach isst du artig deinen Hirsebrei“ 

Unter Protest des zappelnden Kindes gelangten sie in einen kleinen Raum, in dem der Zuber für die Familienmitglieder des Burgherren bereitstand. Nur wenn ein großer Feiertag anstand, wurde ein Vollbad genommen. Heute war aber weder Allerheiligen, noch Ostern oder Heiligabend. Dennoch war dieser Tag wichtig genug, um Wasser und Feuerholz für ein Bad aufzuwenden. Das Mädchen wurde unter strenger Aufsicht der Amme von einer Dienstmagd entkleidet, in den warmen Zuber gesteckt und dann ordentlich von Kopf bis Fuß abgeschrubbt. Als die unangenehme Tortur endlich vorbei war, nahm die Magd einen Eimer, der neben dem Zuber stand. Das Mädchen wusste aus Erfahrung, dass dieses Wasser bereits wieder erkaltet war und kniff die Augen fest zusammen. Dann ergoss sich das kalte Nasse über sie…