Traum 3

Die Taufe


Amaalia genoss die warme Sommersonne, die ihre Nase kitzelte. Fröhlich saß sie auf dem braunen, sanftmütigen Zelter, den ihr der Vater von der letzten Reise mitgebracht hatte. Er hatte ihr gegen den Willen der Mutter erlaubt, auf dem Pferd zu reiten, anstatt in der Kutsche zu reisen. Vorbei waren nur leider die Zeiten, als sie noch wie ein Junge reiten durfte. Die Mutter hatte sich durchgesetzt und ihr einen kleinen Seitsattel anfertigen lassen. Das Mädchen war bereits sieben Jahre alt und sollte endlich als Dame erzogen werden. Schon bald würden sie ihre alte Amme entlassen und die Mutter würde sich selbst um ihre Erziehung kümmern. Der Vater hatte wehmütig zugestimmt, hatte er es ja immer genossen, mit ihr wild durch die Ländereien und Wälder zu reiten. Ihm fehlte einfach ein Sohn, den ihm seine Frau Mechthild nicht schenken konnte. 
Vor Amaalia hatte sie zwei weitere Kinder bekommen. Die Amme hatte ihr von den Brüdern erzählt, die aber noch im Alter von wenigen Wochen verstarben. Niemand wusste warum, wirkten Karell und Heinrich eigentlich ziemlich proper und gesund. Nach Amaalia wurde die Mutter dann nie mehr schwanger. 

Amaalia wusste, der Vater liebte seine Frau. Doch die Tatsache, dass sie keinen Sohn gebären konnte, der ihm ein Stammhalter sein würde, legte einen melancholischen Schleier über die Beziehung. Das Gesindel auf der Burg tratschte schon, es könne nicht mehr lange dauern und Herr Ulrich von Kohlscheid würde sich eine Konkubine nehmen, die ihm einen Sohn schenken sollte. Ein Bastardsohn war allemal besser, als gar kein Sohn. Doch der Vater war zu gottesfürchtig und blieb seiner Frau bislang treu, zumindest wenn er zu Hause weilte. Die Zeit aber verstrich und es würde nicht mehr lange dauern, dann musste eine Lösung gefunden werden. Mechthild von Kohlscheid hatte bald ein Alter erreicht, in dem Frauen nicht mehr zu gebären pflegten. 

Die Reise war für die Erwachsenen beschwerlich, auch wenn es in der Geschwindigkeit nur ein Tagesritt war. Amaalia hörte, wie Elisa immer wieder jammerte, sie wolle endlich schlafen und die Kutsche würde zu arg ruckeln. Die Mutter sprach beruhigend auf sie ein, es wäre ja bald geschafft und sie müsse nur noch ein wenig aushalten, dann hätten sie die Götzburg erreicht. Elisa aber war nicht zu beruhigen. Sie war noch blasser als sonst und wirkte seit Tagen sehr schlapp und lustlos. 

Die benachbarte Götzburg war das Ziel des kleinen Reisetrosses. Es war nun schon über ein Jahr her, das Margarethe mit dem Sohn des Grafen zu Hohentropf verheiratet wurde. Amaalia hatte nach jener Verlobungsfeier nie wieder ein Wort des Widerstandes von ihrer ältesten Schwester gehört. Sie wirkte auf sie wie gebrochen und immerzu traurig. Die Mutter meinte zufrieden, es wäre besser so, wenn sie sich ihrem Schicksal ergeben würde, wie sie es einst getan hatte. Eine Frau musste sich eben zum Wohle ihrer Familie fügen und die Vermählung mit dem zukünftigen Grafen von Hohentropf würde nur Vorteile für ihren Vater mit sich bringen. 

Amaalia hatte keine Ahnung von solchen Dingen. Sie war nur traurig, weil Grethe Burg Wasserstein verlassen musste. Anders als Elisa war sie ihr wie eine gute Freundin und Vertraute. Oft hatte sie die kleine versteckt, wenn sie wieder einmal vor der Amme floh, die darauf bestehen wollte, dass das Kind nähen, sticken und zeichnen lernen sollte. 

Amaalia hatte aber andere Vorlieben. Sie bekam Unterricht von einem weitgereisten geistlichen. Sein Wissen war schier unerschöpflich und er wusste zu jeder Frage eine spannende Antwort. Das Kind genoss jede Stunde des Unterrichts und hing an den Lippen des Lehrers. Von ihm lernte sie fremde Sprachen wie Latein, Französisch, Englisch und sogar etwas Arabisch. Elisabeth hatte dafür nur Spott übrig. Sie hatte von der Mutter gerade einmal Lesen und Schreiben gelernt und hatte sich wie Margarethe auf jene Dinge konzentriert, von denen die Mutter der Meinung war, eine künftige Dame des Hauses müsse es beherrschen. Dass die Jüngste sich mit solch unwichtigen Dingen die Zeit vertrieb, sah die Mutter mit Argwohn. In ihren Augen gehörte es sich nicht für eine Dame und sie sah bereits Probleme auf sie zukommen, sollte sie einmal einen Mann heiraten müssen, der weniger gebildet war. Der Vater aber war stolz auf sie und forderte den Hoflehrer auf, sie alles zu lehren, was sie zu wissen begehrte. 

Von weitem konnte sie die Zinnen der Burg erkennen. Sie waren hier zuletzt, als dort das Hochzeitsfest stattfand. Nun war ihr kleiner Neffe Giselher geboren und sie reisten dorthin, um bei der Taufe dabei zu sein. Obwohl sie die Götzburg schon kannte, durchritt Amaalia das große Tor staunend mit offenem Mund. 

Die Burganlage war beeindruckend. Sie war größer und moderner als die kleine, alte Trutzburg Amaalias Vaters. Götz von Hohentropf hatte sie vor einigen Jahren fertigstellen lassen. Den Grundstein legte noch sein Großvater, der alte Götz. Nun gab es hier große Ställe, Wohngebäude für das Gesindel, eine stolze Schmiede, ein großes Küchengebäude und einen beeindruckenden Burgfried. 
Sie erreichten den großen Platz vor dem Hauptgebäude. Das Mädchen wurde von dem Pferd gehoben und die Familie schritt eine breite Treppe hinauf. Innen wurden sie sogleich vom Burgherren persönlich begrüßt. Doch dem Kind war das völlig zuwider. Sie wollte nur noch ihre Schwester sehen und zappelte ungeduldig neben ihrer Mutter herum. Die bedachte sie mit einem strengen Blick, was aber völlig wirkungslos blieb. 
Das bemerkte Annemarie von Hohentropf, die Frau des Burgherren. „Das Kind ist ja ganz aufgeregt und will gewiss den kleinen Giselher bewundern.“ Sie schnipste eine der Mägde herbei, welche sie in die Privaträume der Frauen begleiten sollte. 

Eine schwere Holztüre wurde geöffnet und Amaalia trat zaghaft hinein. Sie schaute sich um und war wie erschlagen von den kostbaren und verzierten Holzmöbeln. Ihr Blick blieb bei einem beeindruckenden Himmelbett hängen. Inmitten von flauschigen Federbetten erkannte sie das blasse aber lächelnde Gesicht von Margarethe. 

Amaalia war durch nichts mehr zu halten. Sie rannte auf die große Schwester zu, warf sich halb auf das Bett, umarmte sie so fest sie konnte und weinte bittere Tränen in ihre Haare. Margarethe tätschelte ihren Rücken und flüsterte ihr leise tröstende Worte zu „Ist ja gut meine kleine Lia. Alles ist gut. Beruhige dich doch.“ Das zwischenzeitlich eine Frau nähergetreten ist, war ihr gar nicht aufgefallen. Sie setzte sich auf die Bettkante und wischte sich das tränennasse Gesicht mit dem Ärmel ab. Dann erst bemerkte sie, dass die Frau ihren kleinen Neffen auf dem Arm trug. Eben noch schniefte sie und zog die Nase hoch, dann aber schon jauchzte sie vor Freude „Oh nein wie süß! Darf ich ihn mal nehmen? Oh bitte gib ihn mir auf den Arm!“ Sie streckte die Arme nach ihm aus und die Amme gab ihn ihr vorsichtig. „Gott sei Dank, er kommt ganz nach unserem Vater und nicht nach Linhart“ „Kind!“ Erschrocken schaute sie zur Türe und wollte fast im Erdboden versinken. Mutter und die Burgdame waren in den Raum getreten und hatten ihren letzten Satz wohl gehört. Gleich danach kam auch Elisabeth herein, die ihr ein gehässiges aber zufriedenes Grinsen schenkte. Die Mittlere war immerzu eifersüchtig auf die Jüngste, weil sie die Lieblingstochter des Vaters war. Obwohl sie selbst der Liebling der Mutter war, nachdem Margarethe geheiratet hatte, wünschte sie sich offensichtlich die volle Aufmerksamkeit. Den Neffen betrachtete sie nur mit einem kurzen Blick und setzte sich dann in eine Ecke, auf einen Sessel, um sich auszuruhen. Die Amme nahm Amaalia das kleine Bündel ab, um es deren Mutter zu reichen. Mechthild von Kohlscheid lächelte zufrieden „Gut gemacht mein Kind. Ich bin wirklich stolz auf dich.“ 

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Am nächsten Morgen fand die Feier zur Taufe des kleinen Giselher von Hohentropf statt. Die Burgkapelle war gefüllt, die Luft war stickig und es roch nach zu viel Weihrauch. Viele wichtige Persönlichkeiten waren anwesend. Als der Pfarrer gerade fertig war und seinen Segen über die Gemeinde sprechen wollte kreischte neben Amaalia die Mutter laut auf. „Elisabeth!“ Amaalia drehte sich in die Richtung, in der gerade noch die Schwester stand. Sie lag ohnmächtig auf dem Boden, totenblass und völlig regungslos. Ulrich von Kohlscheid war in zwei kurzen Sätzen bei seiner Tochter, hob sie auf die Arme und eilte mit ihr hinaus, gefolgt von vielen anderen, die aufgeregt versuchten gleichzeitig durch die Flügeltüre zu kommen.