Traum 12

Amaalias Flucht


Sie ritt, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her und trieb das Pferd im starken Galopp quer über die Felder, in eine völlig andere Richtung, bis sie endlich den Wald erreichte. Erst hier gönnte sie dem Tier eine langsamere Gangart. Sie mied die Wege, ritt immer tiefer in den Wald, den sie seit ihrer Kindheit gut genug kannte. Unterholz, Steine und Wurzeln erschwerten ihr den Weg. Manchmal musste sie absteigen, um das Pferd am Zügel zu führen. Sie erreichte einen Bach, lies das Pferd kurz trinken, hetzte dann aber weiter. Immer tiefer in den Wald hinein, endlich Richtung Götzburg. Es würde lange dauern, bis sie bei Margarethe war, doch nur so war sie sicher. Brigitta konnte sich denken, wo das Mädchen Unterschlupf suchen würde.

Sie war beinahe zwei Stunden geritten, als sie das Plateau eines baumlosen Hügels erreichte. Zum ersten Mal drehte sie sich um, schaute in die Richtung, in der die väterliche Burg stand. Sie konnte sie gerade noch erkennen. Der Morgen dämmerte und die Sonne stieg hinter der Burg auf. Es sah aus, als würde sie lichterloh brennen. Einen Moment lang glaubte Amaalia tatsächlich, dass die Burg in Flammen stand. Doch die Sonne stieg allmählich höher. Es war nur ein Trugbild. Ihre Fantasie spielte ihr einen Streich. Sie besann sich, lenkte das Pferd wieder gen Westen und ritt weiter.

Das Mädchen war völlig erschöpft, als sie am Abend endlich die Götzburg erreichte. Auch das Pferd war verschwitzt und wirkte, als würde es jeden Moment zusammenbrechen. Sie ritt durch die Tore und wurde sofort erkannt. Niemand stellte ihr Fragen, sie wurde ohne Umwege in die Kemenaten zu Margarethe gebracht. Es schien, als würde sie bereits erwartet werden. Margarethe schien rastlos. Sie schloss die jüngere Schwester in die Arme “Lia, du bist hier nicht sicher! Es waren Reiter hier. Sie suchen nach dir. Ich will gar nicht wissen, wie du es ungesehen hierher geschafft hast. Doch auf unserer Burg gibt es sicher genügend undichte Stellen und sie werden schon bald zurück sein, um dich zu holen.” Das Mädchen sah die große Schwester aus müden und verzweifelten Augen an.“Aber Margarethe. Wo soll ich hin?” Eine Magd brachte etwas zu essen auf das Zimmer “Iss. Wir haben nicht viel Zeit, aber wenn du unterwegs nicht entkräftet zusammenbrechen willst, dann iss!” Und das Mädchen aß ein paar Brocken, obwohl sich der Körper dagegen wehrte. Seitdem sie in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde, stand sie unter Anspannung. Und selbst jetzt konnte sie es sich nicht leisten, schlapp zu machen. Sie war noch nicht in Sicherheit. Schlimmer noch, auch Margarethe brachte sich in Gefahr. In diesem Moment wurde an die Tür geklopft. Margarethes Schwiegervater Götz trat ein “Sie kann hier nicht bleiben! Das Kind muss augenblicklich die Burg verlassen oder uns passiert das gleiche wie Ulrich von Kohlscheid.” Amaalia sah ihn fassungslos an, doch Margarethe nickte nur wissend.

“Unten steht ein frisches Pferd bereit. Ein vertrauter hat sich bereit erklärt, das Kind wegzuschaffen” Amaalia konnte nur fieberhaft überlegen, was Götz mit “wegschaffen” meinte, da wurde sie auch schon von Soldaten nach unten geführt. Margarethe rief ihr hinterher “Werd nicht leichtsinnig, Lia! Du kannst niemanden mehr retten!” Doch für Leichtsinn war das Mädchen ohnehin zu eingeschüchtert und erschöpft. Der Ritter, mit dem sie zu Einbruch der Dunkelheit davon ritt, nahm die Zügel in die Hand, sie hatte lediglich zu folgen und zu hoffen, dass sie ihm und Götz vertrauen konnte.

Sie ritten lange und weit. Immer wieder war sie knapp davor, auf dem Pferd einzuschlafen und lief Gefahr, hinunterzufallen. Nur mit viel Mühe konnte sie sich wachhalten und ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu ihrem Vater. Ob er wohl noch lebte? Was wurde ihm vorgeworfen? Bisher war sie zu beschäftigt damit gewesen, zu fliehen. Doch nun holten sie viele finstere Gedanken ein. Auch an die Amme musste sie denken und hoffte, sie sei wohlauf. Dass sie aber nur Sekunden nachdem sie im dunklen Gang verschwunden war, von Brigittas Schergen erstochen wurde, kam ihr nicht in den Sinn.

Sie kannte den Weg nicht. Es war außerdem stockfinstere Nacht und es hingen bedrohlich schwarze Wolken am Himmel, die weder den Sternen noch dem Mond erlaubten, etwas Licht zu spenden. Der Wind frischte auf und das übermüdete Mädchen fror. Zu allem Überfluss begann es zu regnen. Es schien, als würden die Wolken auf einen Schlag alles auf die Erde schleudern, was sie in sich gesammelt hatten. Bald schon war sie völlig durchnässt und zitterte wie Espenlaub. Der Weg wurde noch beschwerlicher, denn die Pferde kamen auf dem schlammigen Pfad nur sehr langsam voran.

Irgendwann erreichten sie aber ein Gebäude. Es tauchte wie aus dem Nichts vor ihnen auf. “Wir sind da” sagte der Mann knapp, dann deutete er ihr, sie solle vom Pferd steigen und zum Haus gehen. Der Regen ließ nach und sie erklomm ein paar Stufen hinauf zu einer Tür. Das Haus war nicht erleuchtet, doch sie erkannte nun, dass es sich um einen herrschaftlichen Landsitz handeln musste. Die Türe stand offen. Drinnen brannten nur wenige Kerzen und ein Feuer im Kamin. Sie erkannte aber sofort, wer vor ihr stand: Graf von Falkenhorst. Brigittas Vater höchstpersönlich. Sie ist verraten worden, schoss es ihr durch den Kopf. Götz hatte sie und ihre Schwester angelogen, denn nun war sie gefangen. Der Raum wirkte, als wäre lange niemand mehr hier gewesen. Die Holzmöbel waren mit Tüchern abgedeckt, überall hingen Spinnweben, die man im Flackern des Kerzenlichts nur gespenstisch erahnen konnte. Die ganze Szene wirkte erschreckend gespenstisch. Sie müsste todmüde sein, doch das Adrenalin ließ sie wieder hellwach werden.

Zögerlich trat sie ein paar Schritte näher. Der Graf stand einfach nur lässig da, wartete ab, betrachtete sie mit einem spöttischen Grinsen auf dem Gesicht. “Du hältst dich wohl für besonders schlau!” es war keine Frage, eher eine belustigte Feststellung. “Du warst immer schon ein freches, törichtes Miststück, seit jeher bekannt dafür keinen Respekt vor jenen zu haben, die sie fürchten sollte “ Sie musste unwillkürlich an Friedrich von Plassen denken, und wie sie ihn einst als kleines Mädchen anschrie. Das hing ihr bis zum heutigen Tag nach? Der Mann vor ihr war nicht besonders groß, seine Statur eher hager. Doch er strahlte etwas bedrohliches aus, was Amaalia erschaudern ließ. In seinem Blick lag kein bisschen Güte, lediglich blanker Hass war zu sehen. “Was wollt ihr von mir? Ich habe euch nichts getan!” der Graf lachte kurz auf “Dein Vater ist ein Betrüger! Er hat mich belogen, den Namen meiner Familie in den Schmutz gezogen und das werde ich ihm nun heimzahlen. Ich werde ihm höchstpersönlich jedes Detail erzählen von dem, was ich heute Abend mit dir machen werde “ Vater lebt, hämmerte es durch den Kopf des Mädchens. Der Graf kam langsam auf sie zu, während er sprach und sie ging in derselben Geschwindigkeit rückwärts, um den Abstand zu halten. “Niemand wird dich hören, du brauchst nicht zu schreien.”

Sie ging einen Bogen, herum um einen abgedeckten Tisch, auf dem eiserne Kerzenständer standen. Das Möbelstück stand zwischen ihr und dem Mann, der sie beobachtete, wie eine Wildkatze, die jederzeit bereit war, ihre Beute zu packen und mit einem instinktiven Biss zur Strecke zu bringen. Dann ging alles schrecklich schnell. Er machte einen Satz zur Seite und das Mädchen versuchte zu fliehen, doch er packt sie am Arm, riss sie harsch an sich und drückte sie auf den Tisch. Sein Gesicht lag auf dem ihren. Er stank nach Alkohol und Schweiß. Er hauchte bedrohlich “Du bist wohl noch ein unberührtes Pflänzchen. Es wird mir eine Ehre sein, das zu ändern und deinem Vater zu berichten, wie du wie eine Hure unter mir gestöhnt hast.”
Amaalia tastete mit der freien Hand in Panik nach etwas, irgendetwas. Sie konnte kaum denken, ihr Körper funktionierte, als wäre sie eine Marionette und jemand anders würde ihre Arme bewegen. Sie bekam einen der Kerzenständer zu greifen. Seine Form erinnerte an Speerspitzen. Der Graf zwang ihre Beine auseinander und positionierte sich dazwischen. Als er sich einen kurzen Moment aufrichten wollte, um seine Hose zu öffnen, war sie in der Lage, ihn zu überraschen. Sie nahm all ihre Kraft zusammen, denn sie wollte so nicht enden. Sie stieß ihn weg, raffte sich auf und stieß mit aller Kraft zu. Er hatte nicht mehr mit Gegenwehr gerechnet, stolperte nach hinten, sie fiel mit ihm- Durch ihr Körpergewicht gelang es, die Eisenspitze in seinen Leib zu rammen. Wie sie das alles bewerkstelligte, konnte sie nicht verstehen, doch es war geschehen. Sie konnte die Augen nicht abwenden, sah ihm ins Gesicht. Überraschung und Wut lagen in seinen kalten Augen. Die Hand, die sie am Arm gepackt hatte, verlor an Kraft und lies sie schließlich los. Er bewegte den Mund, doch anstatt etwas zu sagen, brachte er nur noch gurgelnde Geräusche hervor. Blut lief aus seinem Mund und dann bewegte er sich nicht mehr. Kein Atem mehr. Ungläubig starrte sie den Toten unter sich an. Was hatte sie getan?

Panisch stand sie auf, ging ein paar Schritte zurück. Er lag da, tot, in einer Blutlache. Sie sah an sich herab, sah ihre Hände, die Blutrot im Kerzenschein glänzten. Das nasse Kleid war ebenso mit seinem Blut befleckt. Sie musste hier weg. Wohin? Der andere Kerl wartete gewiss draußen, würde sofort kurzen Prozess mit ihr machen, wenn er bemerkte, was sie getan hatte.
Gehetzt suchte sie den Raum nach einer Möglichkeit ab. Eine Hintertüre, verschlossen. Wo konnte der Schlüssel sein? Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch. Schubladen. Sie riss das weiße Tuch hoch, um sie öffnen. Eingetrocknete Tintenfässer, alte Schreibfedern, Pergamentbögen, Siegelwachs. Nächste Schublade. Eine Schatulle. Endlich, ein Schlüssel. Keine Zeit verlieren.
Sie riss in der Hast das Tuch vom Tisch, die restlichen Kerzenständer fielen um, lagen am Boden. Mit zitternden Händen versuchte sie, die Tür zu öffnen, schickte tausend Bittgebete gen Himmel, er möge passen. Währenddessen fing das Tuch am Boden Feuer. Schon bald brannten auch die nahestehenden Holzmöbel. Sie hatte keine Zeit mehr, doch der verdammte Schlüssel wollte nicht in das Schlüsselloch, sie zitterte zu sehr. Wenn es nicht bald klappte, würde sie die Vordertüre nehmen müssen, oder sich ihrem Schicksal ergeben und im Feuer verbrennen. Zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, wie die Vordertüre geöffnet wurde und der Mann herein kam, der sie zu dem Gebäude brachte. Das Feuer breitete sich schnell aus. Es gelang ihm zunächst nicht, sich einen Weg zu ihr zu bahnen, ohne durch das Feuer zu gehen.

Endlich. Der Schlüssel steckte. Sie drehte ihm im Schloss, es klackte, mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung schob sie die Türe auf und verschwand nach draußen, verschloss die Tür hinter sich wieder. Es dauerte ewig, doch gelang ihr endlich. Noch ein kurzer Gang und sie war wieder im Freien. Es regnete nicht, doch es war immer noch stockfinster. Sie rannte zum Stall, vor dem eine Fackel brannte. Drei Pferde waren dort angebunden. Sie wählte das des Grafen, es war sicherlich am ausgeruhtesten. Die anderen beiden band sie los und jagte sie mit schrillem Gekreische davon in die Dunkelheit. Sie wollte es dem Kerl nicht zu leicht machen, sie zu verfolgen. Dann schwang sie sich in den Sattel und ritt im Galopp davon, gerade rechtzeitig, denn schon kam der Mann auf sie zu, hielt seinen Dolch in der Hand. Er erreichte sie nicht mehr, sie konnte ungehindert fliehen.